Schlagwörter

, , , , , , ,

Der heutige Gastartikel ist von meiner geschätzten Claudia, einer festen Größe in meiner Twitter-Timeline. Wann immer ich eine Frage habe, von ihr kommt eine passende Antwort, aufn Punkt. Ich schätze ihren Humor und ihre Klarheit und ohne sie persönlich zu kennen weiß ich, dass sie eine ganz besondere Frau ist. Danke für Deine Teilnahme, Claudia.

Depression, (m)eine unendliche Geschichte

Zum Ausbruch kam es 1995 mit dem Tod meiner Großmutter. Das Erkennen der selbigen dauerte dann noch 2 Jahre.

Meine erste Depression hatte nicht den klassischen Verlauf, den viele haben, von Müdigkeit, Unfähigkeit sich zu bewegen und nicht unter Menschen kommen, sondern zeigte sich durch 20 Stunden arbeiten und 4 Stunden Schlaf bei einer 7-Tage-Woche. Ich hatte 4 Jobs und keine Zeit, um über irgendwas nachzudenken. Nach einem Jahr kam der körperliche Totalausfall.

Mein Hausarzt schob meinen schlechten Allgemeinzustand damals auf mein sehr massives Übergewicht und bot mir einen Krankenhausaufenthalt mit Abnehmgarantie an. Da ich auch mit meiner Körpermasse unzufrieden war, nahm ich dankend an und dachte, schön, ein paar Kilo abnehmen und dann ist alles gut. Vor allem, nachdem ich gerade einen 3-wöchigen Erholungsurlaub in der Karibik hinter mir hatte und alles war, aber nicht erholt.

Eßstörungen und stationäre Behandlung
Im Krankenhaus angekommen wurde sehr schnell klar, dass mein Gewicht nur ein Symptom und nicht die Ursache meines Zustandes war. Der Arzt hatte innerhalb von 45 Minuten den Verdacht einer Eßstörung und zog einen Kollegen zurate. Der war noch viel schneller bei der Diagnose und besorgte mir schon für den nächsten Tag ein Bett in der Psychatrischen Uniklinik.

Dort war es so schrecklich das ich nach 3 Tagen die Klinik verließ.

Zurück zum Hausarzt schickte der mich zu einer Psychologin, die sich mit Eßstörungen auskannte.

Dort bekam ich einen Termin und verpasste ihn. Das Spiel hab ich noch dreimal wiederholt. Immer war ich zur falschen Zeit oder am falschen Tag da. Als ich den vierten Termin versiebte, nahm sich die Ärztin trotzdem Zeit für mich und es wurde sehr schnell klar, dass mein Zustand eher besorgniserregend war.

Inzwischen war es Sommer 1996 und ich war nicht mehr in der Lage zu arbeiten.

Die Psychologin machte für mich einen Vorstellungstermin in einer Spezialklinik für Eßstörungen und ich reiste dort Ende August an. Drei Tage füllte ich Fragebogen aus, schaute mir die Klinik an und führte Gespräche. Am letzten Tag sagte man mir, dass ich gerne kommen könne, aber erst im Februar 1997. Ich werde meine Antwort darauf wohl nicht vergessen. Ich sagte, so aus dem Bauch und ohne Überlegung: „Ich glaube, das überlebe ich bis dahin nicht“. Der Arzt, mit dem ich das Gespräch hatte, schaute mich an und sagte darauf gar nichts. Ich selber war erschrocken über meine Aussage, merkte aber, dass ich die Kontrolle über mich immer mehr verlor. Ich fuhr nach Hause und fragte mich, wie es weiter gehen sollte. Ich kam nicht zur Arbeit, nicht zum Arzt, nicht zum Amt, Ich war im Grunde zu nichts mehr in der Lage, die Wohnung sah aus, als wenn da seit Monaten die Vandalen gehaust hätten. Alles in allem ein gräßlicher Zustand.

Drei Wochen später Donnerstags bekam ich einen Anruf aus der Klinik. Ich könnte am Sonntag kommen und Montag mit der Therapie beginnen, wenn ich jetzt zusagen würde. Das war aus heutiger Sicht meine Rettung. Ich hätte damals wohl nicht mehr lange durchgehalten.

Die Therapie in der Klinik zeigte schnell das Eßstörung ein Thema, aber nicht DAS Thema war.

Auf die Therapie einlassen
Ich, das ungeliebte Kind (mein schlechtes Verhältnis zu meiner Mutter), schwerst depressiv mit sehr viel Übergewicht (Essen als Liebesersatz) brauchte mehr als acht Wochen Therapie. Ich war vier volle Monate in der Klinik und sie hat mir das Leben gerettet. Ich brauchte alleine sechs Wochen, um überhaupt bereit zu sein für eine Therapie. Ich wollte natürlich ein anders Leben, hatte aber gar keine Vorstellung, wie das gehen könnte. Alle Gewohnheiten aufgeben machte Angst. Ich wusste was ich hatte, nicht was dann kommt. Ich ertrug keine körperliche Nähe, niemand durfte mich anfassen. Es war so schrecklich, als mir das alles bewusst wurde. Mein ganzes Leben brach zusammen. Ich brauchte viel Zeit um zu verstehen, dass ich es war, die sich auf die Therapie einlassen musste. Das die Therapeuten nur so gut waren wie der Patient es zulässt. Dort wurde der Grundstock für meine Gesundung gelegt, die letztlich 20 Jahre und noch viele Therapien brauchte, bis es soweit war.

Mein erster Therapeut gab mir mit auf den Weg, dass man sich depressive Tage genehmigen darf, ganz bewusst und gezielt. Dass es kein Versagen ist, wieder zu kommen, sondern es zeigt, dass ich stark genug bin um zu erkennen, dass es alleine im Moment nicht geht.

Nach diesen 16 Wochen in Bad Berleburg bin ich direkt zurück in die Psychatrie der Uni, die ich beim ersten Mal so schrecklich fand, blieb dort noch mal vier Wochen. In der Zeit wurde ich darauf vorbereitet wieder zu Hause zu wohnen und wechselte dann für weitere vier Monate in die Tagesklinik.

Nach 12 Monaten war ich wieder in der Lage zu arbeiten. Ich habe meine Ausbildung ein zweites Mal angefangen und drei Jahre später abgeschlossen. In der Zeit habe ich keine Therapie gemacht. Ich liebte mein Leben und hab es mit vollen Zügen genossen. Etwas, das ich gar nicht kannte.

Ein Rückfall
2006 bekam ich einen Rückfall, aber merkte es in meinen Augen früh genug um mir Hilfe zu holen. Allerdings war der Verlauf so rasant, dass ich innerhalb von drei Wochen nicht mehr handlungsfähig war. Das eine Depression einen so Überrollen kann, war mir auch nicht klar. Damals war ich schon Ersatzmutter für ein 3-jähriges Kind und ich denke, dass diese Alltagsroutine und dieses ‚Versorgen müssen‘ viel dazu beitrug, dass ich es doch viel zu spät bemerkte. Ein weiterer Klinikaufenthalt stand an. Nach vier Wochen, gut mit Medikamenten eingestellt, konnte ich in die Tagesklinik wechseln und vier Monate später war ich wieder fit.

Dachte ich….

Arbeitsunfähig
Dem ist bis heute nicht so, ich habe diverse Therapien gemacht, habe viele Skills gelernt, mit denen ich heute meine Depression gut handhaben kann, aber seit 2006 bin ich nicht mehr in der Lage zu arbeiten.
Das war für mich das Schlimmste, nicht mehr arbeiten. Ich liebte meinen Beruf als Altenpflegerin. Es gab viele Versuche, aber zum Schluß die Erkenntnis, das Rente das Einzige ist, das bleibt.

Dazwischen gab es eine Aussöhnung mit meiner Mutter… Aus Hass wurde gegenseitiges Verständnis. Als sie vor ziemlich genau zwei Jahren verstarb, war ich froh um diesen Zustand der Versöhnung.

Ich bin immer wieder in Kliniken gewesen, habe Rehabilitationen gemacht. Immer wieder Therapeuten genutzt, um mein Leben auf die Reihe zu bekommen.

Heute bin ich aus Therapeutensicht austherapiert. Ich habe gelernt, mit meiner Depression zu leben. Ich kann damit umgehen, immer wieder schlechtere Zeiten zu haben, wo ich alles vergesse, nicht schlafen kann oder keinen Antrieb habe. Ich nehme mir manchmal Depressionstage. Gerade dann, wenn es wichtig ist, gut zu funktionieren.

Jede Depression ist anders
Was ich jedem mit auf den Weg geben kann ist: Jede Depression ist anders, jeder Weg ist anders. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Selten ist die Klinik schlecht oder der Therapeut scheisse. Meist ist es so, dass ich am falschen Ort zur falschen Zeit war. Therapie ist unglaublich mühsam und anstrengend. Es ist nichts, das ich so eben mal nebenbei machen konnte.

Ich bin ein Mensch, der wenig darauf gibt was andere Menschen über mich denken und sagen. Das war ein echter Vorteil. Dieses, „dann musst Du dich zusammenreissen, stell Dich nicht so an” oder sonstige Sprüche konnten mir nix anhaben. Das ist auch gut so und ich kann nur jedem raten, sich dort ein dickes Fell zuzulegen.

 

Danke für das Erzählen Deiner Geschichte und Deine Offenheit, liebe Claudia.
https://twitter.com/_Daudi_

Advertisements