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Es ist Sonntag, somit erscheint heute wieder ein Artikel in meiner Reihe zum Thema Depressionen. Heute freue ich mich sehr, Euch den Artikel von Anja zu zeigen. Ich mag ihn sehr. ❤

Ich habe zugesagt, einen Gastbeitrag über Depressionen zu schreiben. Das kann so schwer nicht sein, dachte ich. Ist mein Thema. Da kenne ich mich aus. 

Aber was, wenn der Beitrag nicht gut genug ist? Wenn ich mich nicht klar ausdrücken kann? Oder herumschwafle? Was, wenn ich zu lang oder zu kurz schreibe? Am Thema vorbei? Oder langweilig bin?

Das und viel me hr ging mir im Kopf herum, als ich diesen Gastbeitrag zusagte. Innerhalb von nur wenigen Sekunden war ich – fast ohne es zu merken – mitten im Thema: Depression als Antwort auf eine zu hohe Erwartungshaltung an mich. 

Liebend gerne hätte ich direkt alles hingeschmissen. Hätte diesen kurzen Moment der Befreiung genossen. Das Gefühl, von einer selbst auferlegten Last befreit zu sein. 

Gleichzeitig wäre ich aber auch enttäuscht gewesen. Darüber, eine Chance verpasst zu haben, die ich gerne genutzt hätte.

Depressionen und ich

Einen Text über meine Depressionen zu verfassen, zwingt mich, eine Seite von mir zu betrachten, die ich nicht mag und von der ich 1001 Mal geschworen habe, dass sie nicht wieder zu Tage tritt. Nach jeder depressiven Phase schwor ich mir, mich mehr zusammenzureißen, härter zu arbeiten, stärker zu sein und mich mit noch mehr Elan in die Arbeit zu stürzen, ohne zu wissen, dass ich einer erneuten depressiven Attacke genau damit Tür und Tor öffnete. 

Wie viel will ich hier von mir preisgeben?

Ich spüre, wie mein Körper sich gegen mich wendet. Dieser Text will nicht geschrieben werden. Ich ringe mir jedes Wort ab. Mir ist kalt und mein Hals ist wie zugeschnürt. Ich kann kaum schlucken. 

Keiner soll meine Depressionen sehen. Mich mit meinen Depressionen sehen. Erkennen, wer ich wirklich bin. 

Ich will nicht, dass jemand sieht, was für eine Verliererin ich bin. 

Ich lernte bereits als Kind, mich und mein Umfeld zu verleugnen. Meine Mutter war Alkoholikerin. Sie starb, als ich 16 war. Aber so etwas wie Alkoholismus „gab“ es in den 80ern nur in den armen Gesellschaftsschichten. Jedoch nicht in der gehobenen Mittelschicht, aus der ich komme. Mein Vater war ein hohes Tier in seinem Beruf. Unser Haus ein echtes Anwesen. Dort gab es doch keine Alkoholikerin und ihr Kleinkind! Also wirklich!

Ich musste also so tun, als sei meine Mutter normal. Das tat ich, ohne dass man es mir gesagt hatte. Es war einfach selbstverständlich. 

Und mein Vater? Ein Mensch ohne Feingefühl, der sich zusammen mit meinem Bruder über meine Schwester und mich lustig machte. Der alles in den Dreck zog, was mir wichtig war. Nein, dem durfte ich nicht zeigen, woran mein Herz hing. Und so trainierte ich mir jede Mimik ab. Verbarg meine Gefühle hinter einer steifen Maske. Verleugnete alle Emotionen und konzentrierte mich auf das Einzige, was mein Vater an mir zu schätzen wusste: Meinen messerscharfen Verstand. 

Als ich 11 war, trennten sich meine Eltern. Mein Vater „befreite“ mich von meiner Alkoholiker-Mutter und nahm mich mit zu seiner neuen Lebensgefährtin. Ich bekam ein neues Zimmer in einer neuen Stadt mit einer neuen Schule. Man sagte mir, dass ich nun normal sein solle. Ich sollte fleißig zur Schule gehen und von meinem Vater abgesegneten Hobbys nachgehen. Ein normales Mädchen sein. 

Keiner sagte mir, dass er meinen Schmerz sähe. Keiner erkannte das unerträgliche Leid in mir. Niemand schien zu bemerken, dass mein Herz jeden Tag aufs Neue zerbrach. 

Als mein Vater meine Selbstmordgedanken in meinem Tagebuch las, rief er mich zu sich und schalt mich, undankbar zu sein. 

Als ich das erste Mal Tabletten schluckte, die ich wieder erbrach, kam mein Vater in mein Zimmer und sagte, ich solle mich mehr zusammenreißen und mich bemühen, mich mehr ins Familienleben zu integrieren. 

Dieses Muster wiederholte sich. Immer wieder gab man mir in meinem Leben ein Heim und sagte: nun bist du versorgt, arbeite, lerne und sei glücklich!

Und weil dies immer wieder Menschen sagten, die mir versicherten, nur das Beste für mich zu wollen, glaubte ich ihnen, versuchte, mich zusammenreißen und meine Aufgaben zu erfüllen. Jedes Mal scheiterte ich kläglich. Und so schlimm die Depression auch war und ist, wenn sie dann kam, brachte sie im ersten Moment auch immer ein Stück Gefühl von Freiheit mit sich. 

Wie fühlen sich Depressionen an?

Diese Frage wurde mir schon oft gestellt und die Antwort ist äußerst schwierig. Denn für mich fühlen sie sich nicht an. 

Viele Leute glauben, man sei traurig. Das stimmt auch. Manchmal. Aber vor allem ist da nichts. Einfach nichts. Das Gefühl für alles geht verloren. Raum und Zeit wabern vor sich hin. Jeder Schritt, jede Bewegung sind anstrengend und können zur totalen Erschöpfung führen. Das Aufraffen zur Toilette kann mitunter Stunden dauern. Duschen kann ein unerreichbares Tagesziel sein. Der Fernseher zeigt die immer gleiche Serie in der zehnten Wiederholung. Aber das ist gut so. Neues würde nur überfordern. 

Dieser Zustand kann Tage dauern, Wochen oder Monate. Die Jahreszeiten fliegen vorbei. Nichts hat Bedeutung. Das Schrillen des Telefons oder das Läuten der Türklingel können Angst und Panik auslösen. Es ist ein Dahinvegetieren. Aber das bekommt man meist nicht mit. Die kurzen Momente der Selbstreflexion verdrängt man schnell wieder. Zu groß ist der Berg an Arbeit, den man bewältigen müsste. 

Die Depressionen schlichen sich meist langsam ein. Eine bleierne Schwere ließ sich auf meinen Schultern nieder und drückte mich langsam zu Boden. 

Anfangs schaffte ich es noch zur Schule oder zur Arbeit. Danach schleppte ich mich nach Hause und schlief meist bis zum nächsten Morgen. 

Dann fingen die Krankentage an. Ein oder zwei Tage. Aus ihnen wurden Wochen. Mit der Zeit fand ich Ärzte, die mich krank schrieben. Aber ich schaffte es nicht immer, sie aufzusuchen. Ich blieb also unentschuldigt fern. Der Ärger war vorprogrammiert. 

Lehrer, Schulleiter, Vorgesetzte, Geldgeber, das Jugendamt … sie alle verärgerte ich. Sie hatten mir nach dem schweren Verlust meiner Mutter Chancen gegeben und ich hatte sie nicht genutzt. 

Sie waren nicht bereit, meine Faulheit zu unterstützen. Wenn ich meine Chancen nicht zu nutzen wisse, könne man nun wirklich nichts mehr für mich tun. Man habe ja schon alles getan, hieß es.

Ende der 90er/ Anfang der 2000er gab es kein Bewusstsein für die Krankheit Depression. Zwar war der Begriff bekannt und die Krankheit von der Wissenschaft erforscht, aber im Alltag wussten die Menschen nicht damit umzugehen. Man hielt Depressionen für eine Einbildung. Ein Synonym für Faulheit. Außerdem irritierte ich mein Umfeld, weil ich nicht dauernd weinte, sondern meine Mimik regungslos und nahezu gleichgültig war. 

Ich war seit Ende der 90er in therapeutischer Behandlung und erarbeitete mit meiner Therapeutin kleine Fortschritte. Man erwartete aber, dass ich nach ein paar Therapiesitzungen „normal“ sei. Immer wieder hieß es: „Du bist doch in Therapie.“ und meinte damit, dass ich in Kürze geheilt sein müsste. 

Wieder einmal konnte ich den an mich gestellten Erwartungen nicht gerecht werden. Wieder einmal versuchte ich alles, scheiterte kläglich und landete erneut in der Depression. 

Der Wendepunkt 

2007 lernte ich meine heutige Therapeutin kennen. Mit ihr erarbeitete ich in vielen vielen kleinen Schritten die Eckpfeiler meiner Depression. Ich erkannte den Kreislauf, in dem ich steckte und noch heute oft stecke. Ich lernte, dass Depressionen durch unterdrückte Wut ausgelöst werden und Stück für Stück lernte ich meine Gefühle kennen. Ich lernte, einzuordnen, welches Gefühl sich wie anfühlt und danach zu handeln. Eine Grundfertigkeit, die ich als Kind schlicht nicht gelernt hatte. Ich funktionierte nicht mehr nur, sondern begann zu leben. 

Nun bin ich 36 Jahre alt und noch lange nicht fertig damit, die Dinge meiner Kindheit zu verarbeiten. Aber der Schmerz ist weniger geworden. Das Wichtigste ist aber, dass ich mich heute traue, meine Gefühle zu leben. Wenn ich wütend bin, dann bin ich wütend. Ich weiß, welche fatalen Folgen es haben kann, die Wut zu verdrängen. 

Dadurch bin ich für mein Umfeld unbequemer geworden. Viele Menschen, die mich früher begleitet haben, können heute nur noch wenig mit mir anfangen. Aber das ist in Ordnung. Sie gehen ihrer Wege und lassen mich mit ihren überhöhten Leistungsansprüchen in Ruhe. 

Seit einiger Zeit lässt mich die Depression in Ruhe. Und sollte sie dann doch irgendwann wiederkommen, hoffe ich, dass sie mir den Schutzraum bietet, den ich dann wohl nötig habe. 

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