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Der heutige Gastartikel ist von Jane. Jane begleitet mich seit mindestens zwei Blogs und ist eine wirklich treue Kundin des Gemichtwarenladens. Als sie mir ihren fertigen Artikel geschickt hatte, musste ich den erstmal lange sacken lassen. Das, was sie erlebt hat, ist eigentlich mehr, als in ein Leben passt, passen sollte. „Tropsdem“, wie der Keks sagen würde, ist sie eine Frau, die einen positiven Blick auf die Dinge hat. Danke, dass Du dies hier für mich und alle Betroffenen geschrieben hast. ❤

 

Bisweilen sitze ich da und staune darüber, was das Unterbewusstsein mit dem Körper und dem Bewusstsein so alles anstellt. Sobald ich irgendwas mache oder lasse, mit dem mein Unterbewusstsein nicht einverstanden ist, bekomme ich Magenschmerzen. So richtig fiese. Reagiere ich noch immer nicht, kommen Nacken- und Rückenschmerzen dazu und es gab Jahre (vor der „echten“ Diagnose), da war ich der festen Überzeugung, ich bräuchte eine neue Hüfte.
Ja, Depressionen setzen nicht nur der Psyche zu, sie klopfen auch am Körper an.

Aber von vorne. Tante Emma fragte mich, ob ich auch etwas aus dem Nähkästchen plaudern würde.
Klar!
Es ist gut vier Jahre her, dass ich bei einer Psychiaterin saß, sie sich – nachdem ich meine Vita in Stichworten und chronologisch runtergebetet hatte – über ihren Schreibtisch beugte und meinte, sie würde nun aufschreiben, was sie vermute, das ich habe: Posttraumatische Belastungsstörung und schwere Depression.
Ich zog die Stirn kraus, ich weiß es noch. Ich wollte bewusst skeptisch dreinschauen: „Depression, klar. Aber schwere? Müsste ich dafür nicht dauerheulend in der Ecke sitzen?“ So kannte ich es schließlich aus einer „depressiven Phase“ zehn Jahre zuvor. Anpassungsdepression diagnostizierte mein Hausarzt damals. War unschön, aber ging auch wieder weg.
Ging sie doch, oder?

Das war der Anfang. Obgleich es der auch nicht war, was sich im Laufe einer stationären Therapie zeigte. Wie ich immer dagegen werte innerlich, wenn es hieß, die Eltern haben Schuld! Aber vielleicht hätte ich alles was folgte, anders verpacken können, wäre meine Kindheit – ähm – erfreulicher gewesen. Denn meine Kindheit ist ein Teil dessen, was in der Folge für grundfalsche Verhaltensmuster sorgte. Ich versuchte seit jeher durch Leistung sichtbar zu werden und dadurch, mit besonderen Fertigkeiten zu glänzen. Wovon ich einerseits bis heute profitiere, weil ich mehr kann als viele andere Frauen, andererseits erwarte ich bisweilen heute noch Höchstleistungen von mir selbst. Ich brachte mir viele Dinge selbst bei, um „außergewöhnlich“ zu sein. Immer von dem Gedanken getrieben, sonst nicht wahrgenommen zu werden. Das habe ich abgelegt, sobald ich es im Zuge der Therapie erkannte. Immerhin etwas!

Meine Vita „angerissen“:
Meine Kindheit war solala. Ein Vater, der durch Abwesenheit glänzte und den meine Mutter durch einen Stiefvater ersetzte, der mich nur „die Dicke“ nannte, wobei ich alles war, aber nicht dick, und der der Überzeugung war (und ist), dass ich zu doof bin, mir alleine den Hintern abzuwischen. Nicht seinetwegen baute ich meine Fertigkeiten aus, sondern damit meine Mutter irgendwann lernen würde, ihrem  Mann diesbezüglich Paroli zu bieten. Was nicht passierte. Ich zog im Alter von siebzehn Jahren endgültig zuhause aus. Mein erster Partner starb. Es war ein Autounfall, ein Betrunkener fuhr ihm rein. Ich kam mit meinem damaligen Mann zusammen, heiratete, bekam zwei Kinder und ließ mich scheiden, nachdem ich in flagranti mit einer anderen erwischte. Nicht mit irgendeiner, sondern mit einem eben 18jährigen Mädel, das bis kurz zuvor bei uns lebte und unsere
Pflegetochter gewesen war.
Ich lernte wieder einen Mann kennen und lieben. Irgendwann erkrankte dieser an einer Depression. Hier habe ich erstmalig gelernt, dass Depressionen mehr sind, als eine psychische Erkrankung, sie viel mehr „können“. Kurz bevor man bei ihm die Depression diagnostizierte hatte er einen Magendurchbruch. Er brach auf einem Rasthof – irgendwo in Frankreich – zusammen, lag vor einer Pinkelrinne, und es dauerte einige Menschen – die über ihn rüberstiegen, weil sie dachten, er sei betrunken – lang, bis man ihm half. Auch eine PTBS trug er hier davon. Aber das nur als Erklärung für folgendes. Er hatte erhöhten Blutdruck, schon eine ganze Weile. Aber sowohl die Panikattacken, die er nach der Sache mit dem Rasthof hatte, als auch die Depression selbst, sorgten dafür, dass sich sein Blutdruck nicht mehr regulieren ließ.
„Psychosomatisch bedingt“, hieß es. Er ließ sich – mein Mann steigerte sich immer arg in die Paniattacken rein – nicht mehr medikamentös einstellen. Was sein Herz irgendwann halt nicht mehr mitmachte. Die Schwankungen waren zu enorm. Eines morgens weckte er mich, weil er sich nicht fühlte, und bat mich, ihn zum Arzt zu fahren. Dazu kam es nicht mehr. Er fiel mir tot vor die Füße. Ich reanimierte ihn bis der Notarzt endlich kam. Geschlagene zwanzig Minuten lang. Von dem Notarzt
wurde mein Mann weitere zwanzig Minuten reanimiert. Zu lange zu wenig Sauerstoff für sein Gehirn. Immer wieder hörte ich in der Folge „Zustand nach Vorderwandinfarkt“, bis sich das ganze Drama offenbarte.
Er hatte einen hypoxischen Hirnschaden davongetragen. Koma, Wachkoma,
irgendwann war er wieder wach, aber nicht mehr er selbst, sondern ein Mensch, der kognitiv irgendwo zwischen 5 und 12 Jahren (je nach Tagesverfassung) angesiedelt war und alleine nichts mehr konnte. Fünf Jahre habe ich ihn (mit Pflegestufe III plus Härtefallregelung) zuhause gepflegt. Alleine, denn das Pflegepersonal des ambulanten Dienstes war mit ihm überfordert. Nicht nur die, auch Ärzte waren ihm gegenüber oft hilflos. Sein Krankheitsbild, die Auswirkung des Hirnschadens war zu komplex und konfus.

Mein Mann starb, als ich nicht mehr konnte (hier wurde bei mir ein Burnout diagnostiziert, um das ich mich kümmern wollte/musste) und sowohl Betreuung als auch Pflege abgab. Man war einfach überfordert mit ihm. Man stellte seine Medikation um, woran er dann starb – so krampfte, dass er einen zweiten und jetzt tödlichen Herzinfarkt bekam. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen half einer Freundin. Ihr Mann hatte Krebs und nur noch kurze Zeit zu leben. Er wollte nicht im
Krankenhaus sterben, die Freundin aber konnte die finale Pflege zuhause alleine nicht leisten … Ich blieb bis zu seinem letzten Atemzug.

Einer geht noch, einer geht noch rein!
Woraufhin ich dachte, ich mach einfach weiter. Ein Zeitpunkt, an dem ich gar nicht zur Ruhe kommen wollte, ahnte ich da schon, dass ich dann richtig einknicke. Ich renovierte/sanierte zwei Häuser, statt mich „auszuruhen“ oder zu gucken, was mit mir ist. Alles, nur nicht stillsitzen, bitte. Nicht darüber nachdenken, dass mein Mann starb, weil ich nicht mehr konnte. Nicht darüber nachdenken, wie oft ich über ihn, sein Leben oder Sterben zu urteilen hatte. Einfach weitermachen. Sonst hätte der Gedanke für seinen Tod verantwortlich zu sein, mich zu Boden gerissen. Dann kam der Tag, an dem ich auf meinem Sessel saß und nicht mehr aufhören konnte zu zittern. Panikattacken. Kurze Zeit später saß ich der Eingangs erwähnten Psychiaterin gegenüber.

Und nun?
Die Depression ist mein ständiger Begleiter, wird dies auch bleiben (chronisch-rezidivierend), und ich habe mittlerweile eines gelernt: Es gibt nur zwei Wege einer Depression zu begegnen. Entweder hat sie dich im Griff, oder du sie. Dazwischen gibt es nichts. Also musst du lernen, sie „im Griff“ zu haben, wenn du den Umkehrschluss nicht willst.
Es heißt, sich der Depression zu stellen. Sich helfen zu lassen und sich Hilfe zu suchen. In der Folge immer wieder in sich reinzuhorchen. Nein, ich habe sie auch nicht immer im Griff. Zumal die Depression mich eben nicht „ins Bett oder auf die Couch“ zwingt, sondern mich eher „loslegen“ lässt. Egal was ist, Hauptsache auspowern. Das passiert mir immer wieder.
Ich höre heute aber gezielter in mich rein und achte auf das, was mein Unterbewusstsein mir sagen will. Manchmal nervt es mich richtig. Dann beschimpfe ich sie. „Scheiß Depression“ ist noch freundlich, nahezu zärtlich ausgedrückt dann. Es fällt schwer gegen das anzuarbeiten, was einen blockiert, und es hilft (mir persönlich) nur andauerndes Reflektieren. Mach ich das nun, weil ich es will, oder weil ich nicht anders kann? Hab ich gerade Lust das zu tun, oder laufe ich wieder vor mir weg? Das sind die für mich präsentesten Fragen.
Soweit zu mir.

Verallgemeinert:
Man kann eine Depression auch mit einem Schlaganfall vergleichen. Der findet hier selbstredend nicht im Hirn statt, sondern in der Seele. Sich von einem Schlaganfall erholen zu können, ist schwer. Sagt mal einen Schlaganfallpatienten mit einer Parese, er soll – bitte, danke – die gelähmte Hand bewegen. Das wird nicht funktionieren!
Es ist harte und anstrengende Arbeit wieder zu lernen man selbst zu sein. Als Mensch mit Depressionen geht es einem ähnlich, wie einem mit einer Lähmung. Egal wie sehr man es will, „die schlimme Hand“ ruckt und rührt sich keinen Millitmeter. Man kann vieles einfach nicht.
Wobei ein „reiß dich zusammen“, was jeder von uns schon mal gehört hat, immer
sehr kontraproduktiv ist. Es geht einfach nicht. Er kann nicht. Sie kann dann nicht. Ich kann dann auch nicht anders. Das passiert – trotz all des Wissens – auch mir immer nochmal.
Ich habe noch etwas gelernt, was meine Depression – die ich wohl wirklich nicht mehr loswerden werde – angeht: Man muss offen damit umgehen. In die Offensive gehen. Lächelt man, wo es nichts mehr zu lächeln gibt, macht man irgendwann zu, und die Abstände beim Dichtmachen werden kürzer und kürzer. Dann lässt man das Telefon klingeln, statt ranzugehen. Redet nicht mehr, zieht sich zurück. Zeichen, die Außenstehende nicht deuten können und persönlich nehmen.
Lerne ich heute Menschen kennen, merke dann, dass sie mehr Teil des Lebens sind, als dass ich meine „Maske“ langfristig halten könnte, mache ich schnell tabula rasa und sage, dass ich eine Depression habe, die mich bisweilen in mein (zwar mit Aktivitäten gespicktes, aber doch einsames) Schneckenhaus zurückzieht, und dass das nichts mit ihnen zu tun hat, dass ich sie deswegen nicht weniger mag, aber „kurz mal“ Ruhe brauche. Man asozialisiert sich schnell, die Depression asozialisiert dich schnell, wenn Freunde nicht verstehen können, warum du dich von ihnen zurückziehst. Was man ja eigentlich nicht tut, man kann halt gerade mal nicht aus seiner Haut. Auch wenn keiner, der nicht selbst betroffen ist, nachvollziehen kann, warum das so ist: Sie wissen in dem Moment eines, und das ist, dass es nicht an ihnen liegt. Das ist für sie hilfreich, und was sie nicht belastet, kann man dir nicht
vorwerfen á la: „Du meldest dich nie, ich bin dir nicht wichtig blabla.“
Denn das will auch der Betroffene nicht: Menschen bewusst vor den Kopf stoßen. Er ist dann – wenigstens temporär – „nur“ in sich selbst gefangen.

Depressionen bringen das Innenleben durcheinander. Der Grund, warum ich meine Depression nicht als solche wahrnahm. Meine vor Jahren gestellte Diagnose „Anpassungsdepression“, auf die sich ein Burnout setzte, hat sich verselbstständigt und blieb bei mir. Ein Mensch kann nicht ewig traurig sein, denkt auch die Psyche und man hört einfach auf zu fühlen. Was nicht heißt, man würde
nicht mehr lieben, den Partner, die Kinder, die Eltern, Freunde. Doch doch, das tut man, das ist abgespeichert; man kann sich sogar verlieben, aber man ist nicht mehr traurig und freut sich nicht mehr; selbst wütend zu sein fällt schwer oder wird unmöglich. Wogegen man in Tränen ausbrechen kann, ohne zu wissen warum. Was ich nicht fühle, kann ich nicht deuten. Logisch, oder? Ein Gefühl aber bleibt auch an
Depressionen erkrenkten Menschen erhalten. Angst! Die ist bisweilen
allgegenwärtig undblockiert zusätzlich.

Quintessenz:
Eine Depression ist kein Defizit. Sie ist kein Manko, sondern zeigt sie vielmehr auf, dass man eventuell mehr getan hat, als andere; als einem selbst gutgetan hat. Dass man zu wenig auf sich selbst geachtet hat. Sich selbst zuwenig wahrgenommen hat. Die eigenen Bedürfnisse ignoriert hat. Man nicht gut zu dir gewesen ist. Du einmal zu oft geschluckt, hingenommen hast.

Lass dir helfen, wenn du merkst, da ist mehr als eine Traurigkeit, die sich einordnen lässt. Du keinen Antrieb mehr bekommst, dir der Sinn verloren geht. Die Beine zu schwer sind, als dass du stehen magst. Nimm dich und deine Situation wahr, nimm dich wichtig und dein Sein ernst. Du bist nicht bekloppt oder zu doof, oder zu unfähig. Du brauchst nur eine Hand, die dir den Weg weist, ein Ohr das dir zuhört
und Gehörtes versteht, jemanden, der dir hilft die Gedanken zu sortieren und neu zu ordnen. Das können Therapeuten; und mit dir kann dein Umfeld lernen, was es bedeutet, eine Depression zu haben. Meine ist anders als deine. Meine Depression ist nur eine Variante von vielen … doch alle haben eines gemein. Man braucht Hilfe um da rauszukommen.

Wie hier neulich im Eintrag zum Thema von Maruschka Stern zu lesen war: „Was ich mir wünschen würde – für die Betroffenen: werdet Experten, teilt euer Wissen, seid stolz auf die noch so kleinsten Fortschritte und bleibt davon überzeugt, den „schwarzen Hund“ an die Leine legen zu können, auch wenn er vielleicht nie wieder ganz auszieht. “
Das habe ich mit vielen Worten versucht aufzudröseln. Jeder muss sein
eigener Experte werden.

Werde du deiner!

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