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Der heutige anonyme Gastartikel erreichte mich über Twitter. Ich habe die Autorin dort kennen und schätzen gelernt und möchte sie in meiner Timeline nicht missen. Ich bin sehr froh, dass sie diesen Text aufgeschrieben hat, denn ich bin mir sicher, dass sie mit dieser Lebensgeschichte nicht alleine ist. ❤
Danke meine Liebe für Deinen Text, ich bin mir sicher, dass es nicht ganz so leicht war, dass mal so komprimiert aufzuschreiben.

Ich war nie in Therapie. Ich werde es wohl nie sein. Denn ich habe wohl Angst der vollkommenen Wahrheit zu begegnen. Ich will nicht drüber reden was mich verletzt hat, was mich heute noch in meinen Träumen besucht.

Ich rede mir ein: Nicht drüber reden, das Vergessen ist ein guter Weg.

Ich war 13, als das erste Mal mein Körper auf den Kopf gestellt wurde. Die Werte waren alle normal. Dass ich von 24 Std. über die Hälfte verschlief, wurde als „lebensmüde“ betitelt. Lebensmüde. Müde vom Leben mit 13.

Mein Hausarzt riet, mir ein Hobby zu suchen.
Mit 13 fühlt man sich wohl nie ernst genommen, aber an dem Punkt war ich vollkommen im Recht.

Ab diesem Moment suchte ich meine Anerkennung. Erst bei vielen unreifen Jungs, welche mich und meine vermeintlich coole Art als „besonders“ empfanden. In Wahrheit war ich nur traurig. Traurig und müde. Müde und traurig ließ sich wunderbar mit Partys und Alkohol für einige Stunden erträglich machen. Doch irgendwann sah ich, dass mich diese Auszeiten im Nachhinein nur noch mehr runterzogen. Ich noch mehr über den Sinn und die Dunkelheit der Welt grübelte.

Dann konzentrierte ich mich vollkommen auf meine Haustiere. Menschen konnten mich nicht verstehen, wollten die Wahrheit nicht sehen.
Meine Katzen, mein Hund, mein Pferd sahen die Wahrheit. Das Mädchen, welches keinen Sinn mehr sah in dieser Welt. Aber die Tiere  brauchten mich, sie gaben mir einen Sinn.

Heute bin ich 15 Jahre älter.
Viele beneiden mich um mein Leben. Freunde und Feinde und Fremde.

Ich bin beruflich sehr erfolgreich für mein Alter: die Arbeit wurde meine neue Art der Anerkennung.
Ich habe eine gute, funktionierende,feste Beziehung. Das erste Mal, dass ein Mensch mich durchschaut hat, hinter die perfekte aber sehr kühle, abweisende Mauer schauen wollte.

Ich stehe mitten im Leben.

Nur mein Mann weiß, dass ein einziger Kommentar meine Fassade zum Zusammenbruch zwingt.

Ich genüge nie. Bin niemals gut, geschweige denn gut genug.

Ich hatte noch nie Normalgewicht. Entweder sehr weit drunter oder sehr weit drüber.
Hungern für die Kontrolle, essen um die Leere nicht zu spüren.

Ich bin die absolute Powerfrau für mein Umfeld.

Dass ich an Tagen, an denen ich nicht funktionieren muss, auch einfach nicht funktionieren kann, würde niemals einer glauben. Von „14-Stunden-Arbeitstag“ zu „ich sage eine Verabredung ab, weil ich nicht die Kraft dazu habe mein Bett zu verlassen“.

Es gab Tage an denen funktionierte ich perfekt, die perfekte Ameise.
Bevor ich nach Hause fahren konnte, saß ich Minuten, Stunden in meinem Auto und weinte.
Weinte um Erleichterung zu spüren, weinte um meine „Unperfektion“ zu ertragen, weinte um mein „Niemals-genügen“.

Habe ich eine Depression? Habe ich eine Borderline-Störung? Beides möglich, eine Kombination denkbar, aber ich weiß es nicht.
Werde ich es je wissen? Nicht, solange mein Körper das Spiel mitspielt. Ich werde immer lächeln, denn wenigstens darin bin gut.

Es geht mir heute besser als Jahre zuvor.
Als ich Tage lang in abgedunkelten Zimmern verbrachte, als darüber nachdachte mein Leben zu beenden damit es endlich aufhört.
Aufhören zu denken, aufhören zu fühlen, aufhören zu sein.

Ich habe nun Gründe hier zu sein.
Würde mir jedoch einer davon genommen…
Das Kartenhaus wäre zerstört.
Ich wäre wieder am Anfang.

Der Anfang wäre mein Ende.

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