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Als der heutige Gastartikel von Mieke in meinem Postfach landete, habe ich die Mail nach dem ersten Lesen zugemacht und heftig geschluckt. Es ist ein so guter Text. Und er hat mich berührt, weil auch hier jemand bereits seit der Kindheit mit Dämonen kämpft. Das machte mich traurig.
Ich möchte heute noch auf einen weiteren Aspekt eingehen: Dies ist nicht der erste Text, in dem hier jemand von einem Suizidversuch schreibt. Das Thema ist ein heißes Eisen und in den Medien gilt der Kodex, dass über Suizide nicht geschrieben wird. Das finde ich grundsätzlich sehr richtig.
Hier finde ich allerdings, dass auch dieses Thema nicht ausgeklammert werden darf. Auch ich kenne diese Gedanken und sie sind beim Krankheitsbild Depression nahezu ’normal‘. Wichtig ist der Umgang damit und die Erkenntnis, die hier hoffentlich durchscheint, dass sich die Mühe des Nicht-Aufgebens lohnt. Ich selbst bin das beste Beispiel dafür. Mit 18 hätte ich nie gedacht, dass ich mal so gerne leben möchte, wie ich es heute tue.

Der Artikel beginnt damit, dass Mieke einen akuten Rückfall hat und auch da wieder rausgekommen ist. Es ist also wahr: Hinfallen ist nicht so schlimm, solange man irgendwann wieder aufsteht. Danke für Deinen Text! ❤


Als ich meinen ersten Entwurf dieses Artikels verfasste, ging es mir eigentlich richtig gut. Meine eigenen Erfahrungen mit Depressionen lagen bereits viele Jahre zurück und ich sah mich eigentlich eher als Angehörige mit einer gewissen Sensibilität für dieses Thema. Ich wollte von meinem Freund erzählen, der unter Depressionen leidet und wie ich als die starke Frau an seiner Seite damit umgehe. Oder von meiner besten Freundin, die ich schon seit vielen Jahren unterstütze, wenn es ihr schlecht geht. Ich wollte erzählen, wie wichtig es ist, zu unterscheiden zwischen „für den anderen da sein“ und „Therapeut ersetzen“, wobei man das zweite unbedingt zu unterlassen hätte. Ich wollte erzählen, wie ich finde, dass man unterstützen kann, wenn es darum geht, aus dem Erdloch herauszukrabbeln, aber den Betroffenen später lediglich Hilfe im Sinne einer Räuberleiter geben darf, um ihre eigene Kraft herauszufordern. Und ja, das ist schon auch noch alles meine Meinung …

Aber in all meinen Worten und Phrasen bemerkte ich gar nicht, dass ich mich in einer Situation befand, in der ich all meine Vorschläge zunichtemachte. Ich bemerkte nicht, wie ich krampfartig versuchte, meinem Liebsten all das Leid und all die dunklen Gedanken abzunehmen. Weil er nicht die Kraft hatte, sich zu tragen, nahm ich ihn auf meine Schultern. Ich trug seine, meine, unsere Probleme – die Probleme der Welt auch noch. Ich hielt mich für so stark, dass ich das alles stemmen konnte und merkte gar nicht, wie all diese kleinen Zeichen wieder erschienen: Panikattacken mitten in der Nacht, die Befürchtung, er wäre plötzlich weg. Das Zittern, was ich permanent damit zu erklären versuchte, wie kalt es doch überall sei. Das ständige Übergeben, in das ich anfangs noch eine Schwangerschaft hineininterpretierte. Ich fragte ihn ungefähr zehn Mal am Tag, wie es ihm ging und akzeptierte nicht, dass es Zeiten gab, in denen er für sich sein wollte. Und dann begann das Träumen wieder, weil ich das wirkliche Leben nicht aushielt.

All das hatte ich bereits viele Jahre zuvor, mit zwölf Jahren, um genau zu sein. Ich führte viele Gespräche mit zwölf, allerdings lediglich mit Menschen, die nur in meinem Kopf existierten. Wie sich später herausstellen sollte, waren das Personifizierungen meiner Depressionen, die mir Befehle erteilten. Aber daran dachte meine Mutter in dieser einen Nacht sicher nicht, als ich einfach aufstand, ins Badezimmer ging, eine Parfumflasche auf den Boden warf und mir mit den Scherben Arme und Beine zerschnitt. Meiner Mutter erzählte ich, das wurde mir so befohlen. Ich selber habe daran kaum Erinnerungen. Meine Erinnerungen setzen so richtig klar erst später ein, als ich drei Monate in der Psychiatrie verbrachte. Ich habe anfangs nur geschrien und nichts gegessen. Ich wurde an einem Bett fixiert und während das die schlimmste Erfahrung meines Lebens war, bin ich dankbar dafür, dass meine Mutter die Notwendigkeit meines Klinikaufenthaltes gesehen hat. Denn ja, der Anfang war beschissen und Menschen zu fixieren ist der falsche Weg, aber ich habe gelernt, mit den Depressionen umzugehen.

Man versteht oft nicht, wie Depressionen bei Kindern entstehen können und ich glaube, es gibt keine richtige Antwort darauf. Meine Depressionen hatten zumindest keine prägnante Ursache und entstanden vermutlich aus einer Sensibilität gegenüber Emotionen, die ich damals noch nicht zuordnen konnte.
Nach meinem Klinikaufenthalt hatte ich noch einige Jahre eine therapeutische Begleitung, die mir irgendwann eine Genesung bescheinigte. Und ja, ich war genesen. Mich konnte nichts mehr aus der Bahn kicken, mir ging es sehr gut. Jegliche depressiven Phasen habe ich mit der nötigen Portion Selbstreflexivität und einigen Übungen sehr gut weggesteckt. Ich konnte aus jedem Loch herauskrabbeln. Das ging so weit, dass ich begann, Menschen in meinem Umfeld damit helfen zu wollen.

(Man muss dazu sagen, dass die Genesung auch primär daraus entstand, dass meine Mama unfassbar gut mit psychischen Krankheiten umzugehen weiß – ihr Vater hatte früh Suizid begangen und ihre kleine Schwester ist manisch-depressiv. Von ihr lernte ich auch Eckpunkte für den Umgang mit depressiven Menschen)
ich weiß nicht, ob man eine gewisse Aura hat, die andere mit ähnlichen Problemen, anzieht. Ich jedenfalls lernte meine beste Freundin kennen, bei der sich als Jugendliche auch eine schwerwiegende Depression herauskristallisierte. Ich war diejenige gewesen, die den Hinweis aufbrachte, eine stationäre Therapie wäre wohl das Beste. Damals wurde glücklicherweise auf mich gehört. Meine beste Freundin ist nicht geheilt, aber oft schaffen wir es gemeinsam gut, sie aufzufangen. Und wenn ich meine Grenze spüre, wissen wir beide, dass es Zeit für professionelle Hilfe ist. Das funktioniert wunderbar und ich bin jeden Tag stolz auf sie, wie gut sie all das meistert. Aber bei ihr konnte ich immer unterscheiden zwischen Freundin sein und Therapeutin spielen, was ich bei ihr nie gemacht habe.
Auch zu meiner Tante, die aus ihrer Krankheit etwas Wunderbares schafft, habe ich ein sehr inniges Verhältnis. Aber auch bei ihr habe ich die Grenzen immer erkannt.

Dann habe ich mich das erste Mal so richtig verliebt. So wirklich ernsthaft und heftig. Unsere Beziehung war schön. Schön und harmonisch. Auch noch, als er mir von seinen Depressionen erzählte. Ich ging felsenfest davon aus, dass ich auch damit umgehen könnte. Wir waren glücklich zusammen. Irgendwann begann eine Phase und ja, weil ich diesen Mann so liebte, begann ich, seine Depressionen mitzutragen. Hüpfend und verliebt übersprang ich die Grenze und dachte, ich könnte alles für ihn sein: Freundin, Therapeutin, Heldin, Lebensretterin. Er hätte es nie von mir verlangt, aber in ihm war keine Kraft, um mich davon abzuhalten. Und schließlich begann die Spirale, wie oben erwähnt. Panik, Angst, Zittern, Erbrechen. Meine Depressionen waren zurück. Er sah keinen Ausweg mehr, brachte alle restliche Kraft auf und trennte sich. Ein radikaler Schritt. Scheiße, was habe ich ihn dafür gehasst.

Jetzt, einige Wochen später, bin ich dankbar dafür. Ich finde wieder zu mir. Kurz nach unserer Trennung starb erst mein Opa, dann meine Oma. Es gab Tage, Momente, Sekunden, in denen ich dachte, ich schaffe das nicht. Mir war alles zu viel, über mir brach mein Haus zusammen, dass ich so mühevoll in vielen Jahren Therapie und Arbeit aufgebaut hatte. Es brach alles zusammen und ich war begraben unter dieser Last. Und gleichzeitig, obwohl alles zu viel war, saß ich lethargisch da und betrachtete es wie eine Fremde. Ich konnte gar nichts mehr fühlen.

All die Jahre ging es mir gut, weil das Klima in mir ausgeglichen war. Ich habe mich um mich gekümmert und oft in mich hineingehorcht. Wenn man das tut, kann man andere auch unterstützen. Das habe ich zuletzt nicht mehr getan, weil ich mich so aufgeopfert habe, weil ich dachte, dass Liebe Depressionen besiegen kann. Vielleicht kann sie das, aber nicht so, wie ich das wollte.

Was ihr von mir lernen könnt?
Es gibt Menschen, die sind gleichermaßen Betroffener und Angehöriger. Aus einem Angehörigen kann bei schlechtem Umgang mit der Krankheit ganz schnell ein Betroffener werden. Manchmal, wie in meiner Beziehung, ist der Stärkere der, von dem man es nicht erwartet. Eine Beziehung kann nicht funktionieren, wenn man sich und seine Krankheit nicht akzeptiert – wir beide haben das gelernt, wir beide arbeiten daran.
Man kann ein fröhlicher Mensch sein – und trotzdem depressiv.
Ich kann jetzt sagen, dass es mir wieder gut geht. Ich habe in meinen Therapien viel gelernt und kann all das auch jetzt noch anwenden. Natürlich ist nicht immer alles gut, aber manchmal reicht es auch, wenn es irgendwie okay ist, oder nicht?

Depressionen haben mich zu einem dankbaren Menschen gemacht? Warum? Weil ich die Sonne viel strahlender wahrnehme, weil die Blumen für mich bunter sind und die Liebe rosaroter. Weil ich jetzt dankbar bin – für meine Mama, die mich auch dieses Mal unterstützt hat, mit den richtigen Worten zur richtigen Zeit … und eigentlich für meine ganze Familie, weil es bei uns eben kein Tabuthema ist.

Ihr Lieben, vielleicht könnt ihr etwas lernen. Auch, wenn man geheilt ist – oder nie krank war: passt gut auf euch auf. Depressionen sind sehr kräftezehrend, für alle Seiten. Man kann sich für so stabil wie möglich halten, wenn man nicht auf sich achtet, ist man schneller wieder drinnen, als man draußen ist.

Dieser Text ist manchmal vermutlich verwirrend, aber ich glaube, er ist ehrlich und authentisch. Die Geschichte einer jungen Frau, die Betroffene und Angehörige und wieder Betroffene wurde. Und trotzdem möchte ich euch mit einem guten Gefühl entlassen:

Ohne die Depressionen, diese hässlichen Gedanken, diese Schwermut, diese Angst, diese Lethargie, würde ich das Glück nicht so schätzen – und ich glaube, ich wäre nicht die fröhliche junge Frau, die ich jetzt (trotz aller Schwierigkeiten) bin.

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