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#Triggerwarnung Gewalt
Der heute Beitrag zu meiner Blogparade ist wirklich sehr intensiv und „hart“, er hat mich wirklich mitgenommen.
Und doch stimmte mich der Text am Ende zuversichtlich. Diese Mutter hat eine Menge Resilienz und vor allem die Fähigkeit der Reflektion, sie ist so voller Liebe für ihre Kinder und eine richtig tolle Frau. ❤


Ich schlendere mit einer Kugel Erdbeereis im Becher in der Hand neben meiner Mutter durch unsere  kleine Stadtteil-Innenstadt. Es ist frühlingshaft, schön warm und sonnig. Meine Mutter hat lange blonde Haare, trägt eine Jeansjacke und trotz der Falten sieht man ihr ihr Alter nicht an. Ich finde sie sehr hübsch, fühle mich burschikos, schroff und ungepflegt neben der schlanken Frau mit aufrechtem Gang.

Vor uns her rennen, toben und hüpfen meine zwei Kinder. Sie genießen alles, was nach Clan riecht. Jegliche Auszeit mit mir und anderen Familienangehörigen lässt sie aufblühen. Die beiden haben einen entscheidenden Anteil an meiner Müdigkeit, an dem Gefühl neben meiner hübschen Mutter abzustinken. Allerdings nur zweitrangig.

Ich habe nicht vor, Ihnen zu erzählen, woher diese Müdigkeit, die sich in mein Knochenmark gebrannt hat, wirklich kommt. Vielleicht sähen sie in ihrer Großmutter oder ihrem Großvater dann nicht mehr diese liebevollen, großherzigen Menschen, vielleicht würden sie anders fühlen und denken. So wie ich.

Also schlendere ich weiter neben meiner Mutter her und verdränge es selbst. Auch wenn das kaum geht. Denn das, was mich so müde macht, mich so ungepflegt und gestresst wirken lässt, was mich schwächt und zermürbt, ist meine Wut. Sie ist mein steter Begleiter, ich gehe seit vielen Jahren keinen Schritt mehr ohne sie, es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke, sie fühle. Und hasse.

Diese Wut auf meine Eltern.

Ich bin längst nicht mehr wütend auf die Schläge meines Vaters, die nie mein Gesicht, meine Arme oder irgendeinen anderen Teil meiner Körpervorderseite trafen – denn dazu hätte er mir ja ins Gesicht sehen müssen. Ich bin schon viele Jahre nicht mehr wütend auf die Tatsache, dass meine Mutter nicht dazwischen ging, ihn nicht bremste, sondern manchmal noch zustimmend nickend daneben stand, mit einem Blick der nichts anderes heißen konnte als „Das hast du nun davon!“

Ich bin nicht wütend auf sie, weil sie mich im Kindergarten gelassen haben, bei Menschen, die mich zum Essen und Zähneputzen zwangen, die mich für Auszeiten in einen Nebenraum sperrten und uns übel beschimpften. Und selbst nicht darauf, dass zwischen meinem großen Bruder und mir 14 Jahre liegen, in denen sich zwar einiges verändert hat – aber lange nicht genug. Ich habe gelernt, das zu verzeihen. Hauptsächlich, weil ich selber so oft diese Überforderung spüre, die manchmal wie Ohnmacht sein kann und weiß, wie menschliche Gehirne funktionieren. Ich weiß, dass sie anders hätten handeln müssen, aber nun ist es passé. Ich habe verziehen. Wie auch immer.

Ich habe ihnen den Verrat verziehen, den sie an ihrem Kind begingen. Aber ich zerberste vor lauter tiefer, inbrünstiger Wut auf den Verrat an meinen eigenen Kindern.

Als ich meinen ersten Sohn bekam, spürte ich nach wenigen Monaten eine Überforderung und Müdigkeit, die ich kaum greifen und beschreiben konnte. Ich brüllte um Hilfe und keiner kam. Weder mein Mann noch meine Eltern, von denen ich vielleicht sogar erwartet hätte, dass ihnen meine Gefühle und Gemütszustände wichtig seien, waren da, wenn das Kind krank, in einem Schub oder ich ziemlich knapp vorm Sprung über die Klippe war. Auch das Bedürfnis, mein Baby zu begleiten und zu beschützen spürten sie nicht so, wie ich. Jedenfalls kam auch ihm zuliebe keiner, um uns zu unterstützen.

Eines Tages fiel mir mein Baby hin. Ich hatte 6 Monate nicht geschlafen und in der Schwangerschaft vor seiner Geburt unter einer Schwangerschaftskrankheit so viel Kraft und Ressourcen gelassen, dass nun keine mehr über waren, um nur die Wippe von der Küche ins Bad zu tragen, wo ich das erste mal seit Tagen duschen gehen wollte. Diese Erschöpfung mag grotesk klingen, aber ich möchte Sie an dieser Stelle nicht rechtfertigen. Nur so viel: meine Belastbarkeitsgrenze ist sehr hoch, ich deute sie als eine meiner großen Stärken. Doch bereits an diesem Punkt war sie erreicht, was weder mit meinem Elternhaus noch mit meiner Persönlichkeit zusammenhing, wie ich noch erfahren sollte.

Als das Gesicht meines Babys auf die kalten Fliesen meiner Küche traf, schrie ich so laut ich konnte. Ich schrie um Hilfe, doch keiner kam. Ich riss das schreiende Baby vom Boden auf meine Arme, weinte, brüllte, hyperventilierte. Ich fasste genau einen klaren Gedanken, nämlich den, einen Krankenwagen zu rufen, der kurze Zeit später eintraf. Schon die heulenden Sirenen in einiger Entfernung ließen mich ruhiger atmen. Dieses Gefühl, dass Hilfe kommt, dich unterstützt und rettet, ist unbeschreiblich. Und selten.

Meinem Baby ist an diesem Tag glücklicherweise nichts Schreckliches passiert. Wir durften nach einer eingehenden Untersuchung sogar wieder nach Hause. Ich lag aber viele Nächte schlaflos neben diesem Wunder, streichelte seine Stirn und fragte mich, wie ich nur einen Tag weiter leben sollte, wenn es ihn nicht mehr gäbe.

Ich weiß, dass ich nicht geliebt habe, bis meine Kinder kamen. Das Gefühl, das ich für die beiden empfinde, könnte ich mit so etwas Profanem wie Sprache nicht beschreiben. Nichts, wirklich gar nichts, war je oder wird je bedeutsamer sein, als die beiden. Nicht mal ich selbst.

Und doch schreie ich sie an, zwinge sie in ihre Schneeanzüge, hielt meinen großen Sohn einmal fest um ihm widerwillig seine Zähne zu putzen. In größter Wut neige ich dazu, meinen Ober- und Unterkiefer wütend zusammen zu pressen und durch die Zähne zu fauchen. Zähnefletschen, nenne ich es. Und ich weiß im selben Augenblick, dass es das Gesicht meines Vaters ist, in das meine Kinder blicken. Dass die Drohungen und Bedingungen die ich stelle, überhaupt nicht meine sind, sondern die meiner überforderten Mutter. Und dass jedes Mal, wenn mich eins meiner Kinder zur Weißglut treibt, nicht ich, die erwachsene Mutter, sie anschnauzt und anbrüllt, sondern ich, das kleine, arme verletzte Zweijährige Mädchen, das um sich tritt und beißt, schreit, sich wehrt und zum Angriff übergeht, um ja nie wieder so machtlos zu sein, wie damals.

Was mir hilft, ist, mich vor den Spiegel zu stellen, mein wütendes Gesicht anzusehen. Meine Zornesfalte mit dem Zeigefinger abzufahren und dieses Gesicht dann mit dem meiner Eltern zu vergleichen. Und mich zu fragen, ob ich das will.

Die Antwort lautet immer „Nein“.

Meinen Kindern aber hilft das nicht. Die stehen dann nämlich schon weinend in irgendeinem Zimmer und verstehen die Welt nicht mehr. Wieso ich schreie, sie anschnauze, rum brülle, obwohl doch kaum was geschehen ist. Sie sind entsetzt und wütend, traurig und ängstlich und neben dem Hass auf mich und mein beschämendes Verhalten kann ich kaum einen Gedanken fassen außer den, ob ich jetzt, dieses Mal aber wirklich, dumm genug war, dieses schreckliche Verhalten auch in sie gepflanzt zu haben und selbst gerade Verrat an mir, meinen Kindern und meinen Enkelkindern begehe.

Denn das ist, was meine Wut wirklich so übermächtig werden lässt: wenn augenscheinlich das eigene Kind nicht schätzenswert genug war, um es nicht zu schlagen, zu demütigen und schlecht zu behandeln, wie können dann nur heute alle Beteiligten zulassen, dass meine Kinder nicht geschützt werden, wenn das in Wirklichkeit alles ist, was ich mir wünsche? Sind meine Kinder, diese kostbaren Wesen, diese Wunder, ihnen allen denn nicht genug Wert? Wenn mir keiner helfen will- okay. Aber wieso helfen sie nicht ihnen zuliebe? Den kleinsten, die für nichts von alledem etwas können? Sie leisten doppelten Verrat an meinen Kindern. Indem sie mich schlugen und demütigten und mir keine Handlungsalternativen beibrachten und ich nun jeden Tag meines verdammten Lebens an mir arbeiten muss und an meiner Reaktion, um die ich nie gebeten habe und die ich nicht will, sie aber an meinen Kinder auslasse, wenn ich nicht schnell genug bin. Und, weil sie nie da sind, um zu entlasten und zu beschützen und meinen Kindern, die unter ihren Spuren in mir schon genug zu leiden haben, heute zu beschützen. Es wieder gut zu machen, wenigstens an ihnen.

Ich stehe da, kurz nachdem ich geschrien habe, dass sie jetzt endlich gefälligst ihre Zähne putzen sollen, kurz nachdem ich vor Wut gegen eine Wand getreten habe und kurz nachdem ich meine Kinder, meine große Liebe, wegen irgendwelcher Nichtigkeiten angemeckert habe. Oder Zähne gefletscht. Aus purer Überforderung und der Tatsache, dass mein Gehirn auf dem Stand einer Zweijährigen keine Handlungsalternative hat. Nein, die muss ich mir hart erarbeiten. Jeden Tag ein Stück mehr.

Und wenn die ersten Sekunden dieser unbändigen Wut vorüber sind, sehe ich wieder mein Baby mit dem Gesicht auf den Fliesen.

Denn an diesem Tag ist etwas passiert, mit mir als Mutter. Diese liebe, diese tiefe Angst und dieses Wissen um seine Verletzbarkeit und Sterblichkeit haben mich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Keine Überforderung, kein Stress, keine Wut könnte je groß genug sein, um diese Kinder zu gefährden. Das Risiko einzugehen, sie zu verletzen oder zu verlieren. Und ich will nicht machtlos sein, schon gar nicht gegenüber der Wut, die diese Menschen damals, als ich schutzlos und klein war, in mich hinein gepflanzt haben. Und die ich heute, zu oft, zu laut, zu ungefiltert, an kleine, schutzlose Menschen weitergebe.

Aus meiner Geschichte ist nur ein einziges Gefühl geblieben, doch ich beschreibe es als Lebensgefühl. Dieser Gedanke, dass keiner kommt, dass ich durch das alles alleine durch muss.

Er ist auch der Grund dafür, dass ich niemanden mehr um Hilfe bitte, mich nur noch selten beschwere und eine gewisse Resignation, was mein fehlendes Netz aus Helfern angeht, empfinde. Ich habe das Beste daraus gemacht und halte, und das ist für mich schon ein riesiger Schnitt, mittlerweile gute 5 Wochen ohne Wut-Explosion meinen Kindern gegenüber aus. Und ich höre nie auf, weiter an mir zu arbeiten. Mich zu verbessern. Dieses Schreien abzustellen. Das Zähnefletschen. Die Wut zu eliminieren, die nie meinen Kindern gilt, sondern immer nur denen, die sie in mich gepflanzt haben, ohne an die Konsequenzen zu denken und damit die Generation nach ihnen auch noch gefährdet haben: meine eignen Eltern.

Aber das, was mir hilft, ist, dass genau das der Unterschied zwischen Ihnen und mir ist: der Anspruch, besser zu werden.

Wenn sich die Wut meines Vaters über mir entladen hatte, dann ging es ihm besser. Versteht ihr? Es ging ihm besser. Er war befreit. Weil sie aus ihm raus war und er leichter atmen konnte.

Dass seine kleine Tochter weinend in ihrem dunklen Zimmer lag, sich nicht traute zu rufen, um Hilfe zu bitten, das Licht einzuschalten und einfach irgendwann nach Stunden der Einsamkeit einschlief, machte ihn nicht schwerer. Oder unglücklicher. Es ging ihm besser. Die Wut war raus. Er konnte endlich entspannen.

Wenn meine Mutter mir Ihre verletzenden Bemerkungen an den Kopf geworfen hatte, ging es ihr besser. Sie fühlte sich im Recht, mir den Mund zu verbieten und mich zu beschimpfen. Sie ahnte nicht, dass ihr Wunsch an mich, genau so ein „schlimmes“ Kind zu kriegen, wie ich eines sei oder ihre Anfeindungen, dass mein Bruder der bessere, weil nie so verletzend ihr gegenüber, sei, tiefe Narben hinterlassen würden. Und wenn sie es ahnte, dann war es ihr egal, denn es änderte ihr Verhalten nicht. Sie fühlte sich freier, konnte leichter durchatmen. Was raus muss, muss ja schließlich raus.

Doch das zweijährige, arme, verletzte kleine Mädchen, das schon damals wusste, dass das ganz und gar nicht richtig ist und dass es abscheulich ist, dass diese Gräueltaten ihnen nun auch noch Erleichterung verschaffen, das ist heute noch da. Ich habe es mitgenommen in mein erwachsenes Ich und jedes einzelne verdammte Mal, wenn ich ein Kind anfauche, zu grob am Arm ziehe oder vom Boden hoch reiße, weil es sich schreiend kugelt, fühle ich mich durch und durch beschissen. Ich hasse mich, ich will es abstellen und loswerden, ich will nicht so sein. Ich will nicht sie sein.

Ich will, dass meine kleinen Kinder sich beschützt und unterstützt fühlen und dieses tiefe Gefühl, nicht machtlos und nicht unterlegen zu sein, sondern die Macht und Mitspracherecht zu haben, mit in ihre Erwachsenen Ich’s nehmen, daraus etwas Gutes formen, die Welt bewegen und in ihre eigenen Kinder Liebe und Demut pflanzen, anstatt diese Wut, die einen so müde, so endlos müde macht. Viel müder, als Kinder einen jemals machen könnten.

Doch all das sage ich meiner Mutter nicht, während sie ihr Eis isst, mit meinen Kindern kuschelt und ich Ihnen ansehen kann, dass sie tief überzeugt davon sind, dass diese Frau durch und durch gut ist. Ich lasse Ihnen dieses Gefühl, das ich wünschte teilen zu können. Ich habe verziehen. Und das muss vielleicht auch für den Rest meiner Zeit reichen.

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