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#Triggerwarnung sexueller Missbrauch

Ich danke Dir für Deinen Artikel, liebe Ostseenudel. Es ist der erste, der quasi schwupps bei mir auftauchte.
Danke für den Text, der mir tief unter die Haut ging. Ich bin immer wieder fassungslos, wie viele versehrte Kinderseelen es gibt. Und ja, ich sage das auch schon so lange: Es gibt eine hohe Dunkelziffer an depressiven Kindern.

(Und Dir wünsche ich, dass Du Dir verzeihen kannst. )


„So, weswegen sind sie zu uns in die Klinik gekommen?“

„Mir wurde eine schwere Depression und eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.“

„Posttraumatische Belastungsstörung – dahinter kann vieles stecken. Mögen sie mir dazu etwas genaueres erzählen? Aber wirklich nur, wenn sie möchten!“

Ich war erst vor einer Woche aus der Psychiatrie entlassen worden, erst 2 Monate voll- dann einen Monat teilstationär, und war unterdessen daran gewöhnt, wildfremden Menschen meine Geschichte zu erzählen.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Nun, ich wurde zweimal vergewaltigt. Einmal als ich 18 Jahre alt war, einmal als ich 9 war. Und nein, es war kein Verwandter. Es war beim ersten Mal ein Bekannter meiner Eltern, als ich 18 war, war es der Typ in den ich damals verknallt war.“

Ich wußte, welche Frage als nächstes kommen würde. Die Frage nach meinen Eltern, Lehrern, Freunden.

„Nein, es hat niemand mitbekommen. Wer hätte es auch mitbekommen sollen? Ich habe von klein auf gelernt, auf alle Rücksicht zu nehmen, besonders auf meine Mutter. Nie hätte ich riskiert, daß sie sich aufregt. Ich war immer ein sehr ruhiges, braves Kind. Ich brachte gute Zensuren nach Hause und gab mir ansonsten Mühe, nicht wegen eigener Bedürfnisse aufzufallen. Wenn ich zu Kindergartenzeiten meine Eltern um Hilfe bat, weil ich schon damals ausgegrenzt und gemobbt wurde, wurden meine Ängste und Sorgen nicht ernst genommen. Also habe ich irgendwann nichts mehr gesagt, und als ich dann das erste Mal vergewaltigt wurde, hatte ich noch keine Worte für das, was geschehen war. Wie hätte ich meinen Eltern das erklären sollen? Und gemerkt haben sie nichts. Ich war ja weiterhin unauffällig, brav, hatte gute Zensuren, und was sie vielleicht hätten sehen können, haben sie nicht bemerkt. Niemals. Tja, und Freunde, Freunde hatte ich zuletzt im Kindergarten. Selbst da waren es immer nur ein oder zwei Kinder, die mich wenigstens ab und an mitspielen ließen. Seither war ich allein. Mutterseelenallein. An meine Jugend kann ich mich nur als ein einsames schwarzes Loch erinnern. Also wer hätte jemals etwas bemerken sollen?“

„Und wie haben sie es geschafft zu überleben?“

„Ich tat alles mögliche, um zu vergessen. Zum ersten Mal betrank ich mich an jenem Abend als ich 9 Jahre alt war. Seither wurde der Alkohol mein immer häufigerer Begleiter. In meiner Jugend habe ich irgendwann angefangen Klebstoff zu schnüffeln und mich selbst zu verletzen. Mit 17 habe ich mich selbst und die Einsamkeit nicht mehr ausgehalten und versucht, mich umzubringen. Erfolglos, wie sie sehen. Immerhin habe ich danach einen Deal mit meinem Leben geschlossen. Ich gab dem Leben noch eine letzte Chance und versprach, alles dafür zu tun, daß es gut geht. Wenn ich aber wieder einmal scheitern würde, und davon war ich felsenfest überzeugt, würde ich „es“ noch mal tun. Und dieses Mal richtig. Ich wußte nicht wie, aber ich wußte, beim nächsten Mal würde ich nicht mehr aufwachen. Nun, wie sie sehen, habe ich mich geirrt. Es ging gut. Ich fand mit der Zeit ein paar Kumpels, mit denen ich losziehen und feiern konnte, lernte meinen Mann kennen, bekam zwei wunderbare Kinder und sogar echte Freunde fanden den Weg in mein Leben. Im Laufe der Jahre bin ich immer wieder in die Depression gerutscht, habe mich aber immer irgendwie alleine durchgewurschtelt. Ich habe funktioniert. Immer. Bis vor zwei Jahren. Da ging irgendwann nichts mehr. Ich war psychisch vollkommen am Ende, habe körperlich überhaupt nichts mehr geschafft, war von der kleinsten Kleinigkeit hoffnungslos überfordert, begann wieder zu trinken, mich zu verletzen und irgendwann kamen massive Selbstmordgedanken dazu. Aber ich habe Kinder. Meine Kinder brauchen mich. Also habe ich mir endlich  – nach drei Jahrzehnten – Hilfe geholt. Und so bin ich hier gelandet.“

„Es ist erstaunlich, wie gut, wie abgeklärt sie über alle diese Erlebnisse berichten können.“

„Sie haben nach Fakten gefragt. Über Fakten kann ich sehr gut reden. Aber bitte fragen sie nicht nach meinen Gefühlen! Meinen Körper und meine Gefühle ertrage ich nicht. Ich ertrage mich nicht.“

Dieses Gespräch führte ich vor gut zwei Monaten, kurz nachdem ich in die vorerst letzte Klinik – dieses Mal eine psychosomatische Tagesklinik – aufgenommen wurde. Mir ging es lange nicht mehr so schlecht wie noch vor ein paar Monaten. Meine Gedanken waren nicht mehr ganz so hoffnungslos, die Konzentration besserte sich, ja, ich konnte sogar wieder ein bißchen lesen. Doch gut, nein, gut ging es mir nicht.

In den darauf folgenden sieben Wochen habe ich unfaßbar viel gelernt. Ich habe einen Weg gezeigt bekommen, wie ich nach all den Jahren endlich mit den Erfahrungen in meiner Kindheit und Jugend umgehen lernen kann. Ich habe mich getraut, Kontakt zu mir aufzunehmen, mich zu spüren, Gefühle zuzulassen. Es war eine sehr, sehr anstrengende Zeit. Aber auch eine sehr lehrreiche Zeit. Ich habe Zuversicht und Hoffnung gefunden. Ich glaube wieder daran, eine Zukunft zu haben. Ich glaube daran, eine schöne Zukunft zu haben. Ich hoffe, mich eines Tages akzeptieren zu können, vielleicht sogar mich zu mögen. Ich hoffe, mir eines Tages all die Dinge zu verzeihen, an denen ich keine Schuld trage. Ich möchte Frieden schließen mit meiner Vergangenheit und mit mir. Vielleicht werde ich das. Eines fernen Tages. Vielleicht. Ich hoffe es.

Bis dahin ist es ein weiter Weg. Ich hoffe, ich werde mit mir genügend Geduöld haben. Das nötige Handwerkszeug habe ich nun. Jetzt heißt es gemeinsam mit einem guten ambulanten Traumatherapeuten weiterzuüben. Den Schrtt in die Klinik zu gehen, habe ich in jenen Monaten immer mal wieder bereut. Doch rückblickend kann ich sagen, ich würde es jederzeit genau so wieder tun. Nein, das stimmt nicht. Nicht ganz. Ich würde nie wieder warten, bis ich aus Angst, von der nächsten Brücke zu springen, mich nicht mehr alleine aus dem Haus traue. Ich würde mir früher Hilfe suchen. Viel früher.

Und so möchte ich jeden Betroffenen bitten: Such Dir Hilfe. Sofort! Depressionen sind in der Gesellschaft leider noch oft geächtet. Trotzdem, oder gerade deshelb, trau Dich. Du hast nichts zu verlieren. Außer Dein Leben.

Und ich möchte jeden Angehörigen oder Freund bitten: Traut Euch zu fragen. Fragt, wenn sich jemand zurückzieht, fragt, wenn jemand verstummt, fragt, wenn jemand sich verändert. Bitte seid aufmerksam. Jeder von Euch kennt Depressive, und diese Menschen brauchen Eure Hilfe. Und, bitte, schaut besonders gut hin, wenn dieser Mensch ein Kind ist. Auch Kinder leiden an Depressionen. Sie äußern sich meist nur anders als beim Erwachsenen, doch Kinder können noch weniger beschreiben, was in ihnen vorgeht. Kinder brauchen Eure Hilfe und Aufmerksamkeit noch viel, viel mehr.

Bitte, seid mutig!

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