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Liebe Gastartikel-Autorin, danke, dass Du diesen Artikel bei mir eingereicht hast. Deine Geschichte hat mich sehr berührt und ich bin froh zu lesen, dass Du schon so viel ereicht hast und Dich aufgemacht hast auf Deinem Weg.
Danke, dass Du den Mut aufgebraucht hast, Deine Geschichte mit den Lesern und mir zu teilen.


Inzwischen mag ich mich wirklich gern.

Inzwischen.

Der Weg war lang.

Oft verabscheute ich mich und mein Tun, ein paar mal bis in depressive Episoden hinein.

Diese tiefen Täler der Trauer allerdings halfen mir auch jedes Mal ein Stück mehr, selbstbewusst mein Ich zu leben und zu lieben.

Dass das so ist, dass ich mir Selbstachtung und Selbstliebe erst erarbeiten musste, liegt an meiner Kindheit.

Wie bei so vielen Menschen.

Elternschaft ist eine große und schwere Aufgabe, steht immer in der Bewertung von außen und unterliegt vielen Widrigkeiten des Lebens.

Gute Eltern sind beobachtende, fühlende und reflektierende Eltern. Je mehr man sich selbst bejaht und vom Partner bejaht wird, desto sicherer fühlt und agiert man in der Elternrolle.

Die eigene Vergangenheit und auch die Familiengeschichte spielen in die Elternrolle hinein und wenn man sich dessen nicht bewusst ist und einfach nur so alles anders machen möchte als die eigenen Eltern, wird man in die gleichen Fallen hineintappen und sich so verhalten wie sie.

Ich habe hier mit meinem bisherigen Lebens-Eltern-Metaebenen-Fazit begonnen.

Wie es sich entwickelt hat, möchte ich in diesem Text ein wenig aufzeigen.

Rein äußerlich bin ich in eine intakte Familie hineingeboren. Vater, Mutter, Kinder. Einfamilienhausidylle in der Einfamilienhaussiedlung im Dorf mit Sport- und Hobbygärtnerverein und einer lebendigen Kirchengemeinde.

Eine intakte Nachbarschaft, in der wir Kinder uns sehr frei und selbstständig bewegen konnten.

Wir waren nicht reich, aber auch nicht arm, es musste gerechnet werden, aber Vereinstätigkeiten und Musikinstrumente wurden ermöglicht.

Es gab Fahrten in den Urlaub, Ausflüge und Sozialkontakte.

Alles in Ordnung.

Äußerlich.

Ganz oft war sicher auch alles in Ordnung.

Ich kann nicht pauschal sagen, dass ich eine schlimme Kindheit hatte, nein. Es gibt vieles, das mir von meinen Eltern mit auf den Weg gegeben wurde, was ich im Nachhinein betrachtet gut finde und in meiner mir eigenen Art mit meinem Mann auch so oder so ähnlich handhabe.

Ich bin nie geschlagen worden, musste körperlich keine Not leiden.

Über all diesen Worten schwingt das große „aber“.

Die Versorgungsebene war intakt, vollkommen und rundherum.

Aber die Gefühlsebene war oft nicht intakt, manchmal möchte ich fast von emotionaler Misshandlung reden.

Mein Vater hat mich abgöttisch geliebt, sein kleines Mädchen.

Nur leider war ich immer bis kurz vor seinem Tod das kleine, dumme Mädchen. Nie traute er mir etwas zu, alles nahm er mir ab. Den Montessori-Satz „Hilf mir, es selbst zu tun“ wischte er mit großer Geste vom Tisch. Dies wurde immer mit meiner weiblichen Unfähigkeit begründet, kleine Mädchen können halt nichts. Bis ins Erwachsenenalter hinein war das so. Als ich ihm mit Ende 20 am Telefon verkündete, ich würde jetzt auch ausbilden, sagte er sofort „Das kannst du doch gar nicht.“ Damit war das Thema vom Tisch.

Eines nehme ich ihm aber noch viel mehr übel, auch jetzt noch. Es macht mich nicht mehr aggressiv, aber Wut und Enttäuschung schwingen immer noch mit. Seit den Jahren, in denen mein Körper sich entwickelte, betrachtete er mich oft auf eine ganz unväterliche Weise. Er nutzte kleine Gelegenheiten, mich en passsant an Körperstellen zu berühren, an denen ich nicht mehr berührt werden wollte. Nachdem ich ihm das einmal deutlich gesagt habe, hat er es im häuslichen Bereich nicht mehrt getan. Im öffentlichen Raum aber wurde ich doch hin und wieder am Po getätschelt. Das brave, dumme Mädchen sagt ja vor anderen Leuten nichts.

Das war ein gemeines Ausnutzen und es durfte nicht sein.

Aber ich fühlte mich schlecht, weil ich deswegen so eine Wut auf ihn hatte und immer versuchte, mindestens einen Meter Abstand zwischen uns zu haben. Das macht man als brave Tochter nicht.

Noch heute habe ich einen größeren Distanzbereich als andere Menschen, vor allem bei fremden Männern und auch dieses Nicht-Entspannt-Sein nehme ich ihm noch manchmal übel, wenn es mein Wohlfühlen in Gesellschaft verhindert.

Ganz kurz vor seinem Krebstod bin ich aber über mich selbst hinausgewachsen. Ich habe auch vor ihm den Schritt ins Erwachsensein, in selbstbestimmtes, selbstbewusstes Leben getan.

Ich war die letzte, die ihn auf seinem Krankenhaus-Sterbebett bei Bewusstsein sah. Ich war die einzige in der Familie, die in der Lage war, ihn gehen zu lassen. Ich litt, wenn ich sah, wie meine Mutter und meine Geschwister ihn trotz seines Leidens in diesem Leben festhielten, das war kein erträgliches Sein mehr. Bei meinem letzten Besuch war ich ganz allein mit ihm im Zimmer und habe ihm gesagt, dass es seine Entscheidung sei, loszulassen und dieses Leben gehen zu lassen. Ich habe es geschafft, ihm die Hand zu halten – meine Mutter konnte es nicht, ihre Art, ihn ans Leben zu fesseln. Ich war dann diejenige, der er wissend zugenickt und Wünsche für die Trauerfeier aufgetragen hat. Diese Minuten waren unbeschreiblich emotional und haben noch lange in mir gerührt. Meiner Mutter und den Geschwistern gegenüber wagte ich auch erst im Trauergespräch mit dem Pfarrer davon zu erzählen. Vorher hatte ich Angst, sämtliche Trauer-Wut abzubekommen und gesagt zu bekommen, ich sei Schuld an seinem Tod.

Dieser Prozess war nicht nur ein Trauerprozess, sondern auch ein Prozess des Wachsens, seither kann ich meiner Familie selbstbewusster gegenübertreten, war ich doch zu einem Abschied und einem Gehenlassen fähig und sie nicht.

War in der Beziehung zu meinem Vater vieles unausgesprochen, kommunizierte meine Mutter immer alles sehr deutlich.

Und sehr abfällig, bevormundend, laut, gemein, herablassend, herabwürdigend.

Oder sie ignorierte lautstark.

Da die anderen Mitglieder der Familie nicht großartig reagierten, ließ sie sämtlichen negativen Emotionen an mir aus. Vielleicht auch, weil ich darauf reagierte mit negativen Emotionen, sie hatte einen Gegenpart. Nur dass ein Kind oder eine Pubertierende kein angemessener Part zum Ausleben negativer Emotionen ist.

Jederzeit konnte das Mecker-Gewitter über mich hereinbrechen.

Sei es, dass ich einen Teil des Essens nicht mochte, sei es, dass ich versunken gelesen habe, sei es, dass ich Spaß mit einer Freundin hatte, sei es, dass ich eine eigene Meinung hatte. Immer und jederzeit und überall konnte es losgehen. Ich wurde angeschrien, als faul, nutzlos, egoistisch, egozentrisch, verbohrt und missraten bezeichnet. Dabei wurde herumgestampft und mit Gegenständen laut herumgeklappert. Oft wusste ich mit dem Verstand, dass das jetzt nicht stimmt, dass Lesen z.B. nichts verwerfliches ist. Immer aber hatte das so verbal-emotional-geschlagene kleine Kind die Oberhand, das ja eigentlich nur Zuneigung und Bestätigung haben möchte.

So gewöhnte ich mir an, in Anwesenheit meiner Mutter möglichst unauffällig zu sein, am Besten gar nicht anwesend. Ich wollte so wenig Angriffsfläche wie möglich bilden. Das ist sehr lange so geblieben und beschränkte sich nicht nur auf meine Mutter. Klein und unauffällig durchkommen war die Devise.

Meinen Körper hasste ich, weil immer nur negative Aspekte hervorgehoben wurden, die es eigentlich gar nicht gab. Das ist mir aber erst im Nachhinein klar. Als ich es als Erwachsene schaffte, mich gesund zu ernähren und abnahm, wurden die Vorwürfe, ich würde ja immer fetter und unförmiger werden zum normalen Gesprächsinhalt. Mit jedem Kilo, das von den Hüften schmolz, wurde meine Mutter wütender. Vielleicht nahm sie mir das übel, weil sie es nie geschafft hat, abzunehmen und selbst ziemlich ungesund-unförmig ist. Mein Körperselbstbild ist bis heute eine große Baustelle, an der ich unermüdlich arbeiten muss.

Erst in Freundschaften, die sie jenseits zwanzig entwickelten und vor allem durch meine berufliche Persönlichkeit entwickelte ich mich zu einem nicht mehr ganz so grau-unauffälligen Menschen, der seinem Körper eine positive Existenzberechtigung zuspricht. Als extrovertiert würde ich mich immer noch nicht bezeichnen, aber das will ich auch gar nicht sein.

Ich kann mich kaum erinnern, gelobt worden zu sein. Entweder wurde mit grimmigem Gesicht geschwiegen, wo ich eine bestärkende Rückmeldung gebraucht hätte, oder ich wurde für eine Nichtigkeit kritisiert.

Das macht hart, das lässt stark werden. Mich hat es klein gehalten.

Habe ich mit den Nachbarskindern eine Hütte im Garten gebaut, wurden die anderen von ihren Eltern gelobt. Ich wurde angemeckert, weil wir einen Stab verwendet haben, der auch gut noch zum Pflanzenanbinden hätte genutzt werden können. Hatte ich ein Instrumentalvorspiel, wurden mir hinterher wütend die roten Lampenfieber-Flecken auf dem Hals vorgeworfen und dass ich einmal mit dem Kopf geschüttelt habe, als ich mich verspielt habe.

Niemals war ein Geschenk gut genug. Am Tag nach ihrem Geburtstag oder nach Weihnachten kam meine Mutter gern morgens ins Zimmer und sagte „ich bin so enttäuscht von dir“. Gebasteltes war nicht schön genug, gekauftes (auch wenn monatelang nur davon als Wunsch geredet wurde) nie das richtige und „alter Scheiß“. Schenkte ich Blumen, wollte sie Pralinen, schenkte ich Pralinen, wollte sie Blumen. Noch heute bin ich immer unsicher, ob meine Geschenke wirklich gut ankommen und mache mir immer lange Gedanken.

Meinen Freunden und auch meinem Freund und jetzigen Mann erzählte sie immer gern peinliche Dinge, die ich als Kind oder Jugendliche gemacht habe. Die müssen ja wissen, mit was für einer Person sich einlassen, war das Motto.

Auch als Mutter konnte sie kein gutes Haar an mir lassen und bezeichnete uns oft als Rabeneltern, mich als Rabenmutter.

Das schlimmste, was ich als Rabenkind tun konnte, war auszuziehen, auf eigenen Beinen zu stehen und eine eigene Familie zu Gründen. Das wird mir immer wieder implizit vorgeworfen.

Gespräche, wirkliche Gespräche waren nie möglich. Ich traute mich kaum, etwas zu sagen. Entweder wurde ich beschimpft für das Gesagte oder ich wurde bevormundet. Die Meinung, die ich zu haben hatte, wurde mir mitgeteilt, weitere Worte erübrigten sich damit.

Das alles konnte ich in vielen Gesprächen mit Freunden, mit meinem Mann, auch mit einer Therapeutin gehen lassen. Annehmen, dass meine Mutter nicht reflektiert ist, dumm und ungebildet (so leid mir das tut, das zu schreiben) und es von ihrer Mutter auch einfach so erlernt und einszueins weitergegeben hat. Ich bin distanzierter und emotional in mir ruhender. Die Kontakte werden beschränkt gepflegt, so kann ich es ertragen. So hat sie auch nicht so viel Einfluss auf mein Kind.

Seit einigen Monaten muss ich mich allerdings erneut auf den Weg machen, das rührt alles noch einmal auf – vielleicht werde ich mir auch professionelle Hilfe holen müssen. Meine Mutter ist auf bestem Wege, in die Demenz zu entschwinden. In Ratgebern und Foren liest man immer wieder, wie wichtig es ist, die dementen Menschen in ihrem Gefühlsleben anzunehmen und sie zu bejahen.

Wie soll ich einen Menschen in seinen Emotionen bejahen, der mich nie in meinen Emotionen bejaht hat? Wie soll ich ihr entspannt, annehmend gegenübertreten, wenn ich das nie von ihr erlebt habe? Wie soll ich mit den sicher irgendwann aufkommenden Aggressionen umgehen?

Aufwühlende Fragen, die ich im Alltagstrubel und im Familiengenuss immer wieder wegschieben kann, die aber immer wieder aufkommen.

Und jetzt, wie geht es mir jetzt damit?

Ich bin traurig, dass meine Eltern ihre z.T. sehr leidvolle und grausame Familiengeschichte verschlossen haben und höchstens distanziert-zusammengefasst darüber berichtet haben.

Ich bin traurig, dass Emotionen in meinem Elternhaus nichts zu suchen hatten.

Ich bin traurig, dass ich in meinem Selbstkonzept diese negativen Zuschreibungen so fest integriert habe, dass ich sie wahrscheinlich nie ganz loswerde.

Ich bin zuversichtlich, dass ich reflektiert genug bin, meine Familiengeschichte anders zu behandeln.

Ich bin zuversichtlich, dass ich auch weiterhin eine andere Mutter sein werde, als meine Mutter es war.

Ich bin zuversichtlich, dass ich irgendeinen Weg finde, mit dieser blöden Demenz umzugehen.

Ich bin zuversichtlich, dass ich die Wut und Trauer weiter gehen lassen kann und sie mir immer weniger im Weg stehen.

Ich bin zuversichtlich, dass ich mich weiterentwickeln werde.

Ich bin dankbar, dass ich seit meiner Pubertät mit Menschen zu tun hatte, die mich so angenommen und bestätigt haben wie ich bin.

Ich bin dankbar, dass ich Gesprächspartner hatte, bei denen ich meine Wut und Trauer herauslassen und diese Gefühle dann ein Stückchen gehen lassen konnte.

Ich freue mich, weil ich mich mag.

Ich freue mich, weil ich mich annehmen kann in allen Emotionen.

Ich freue mich, weil ich meine Schwächen und Macken lächelnd annehmen und nach Vermögen und Energie daran arbeiten kann.

Ich freue mich, weil ich mein Kind seine Emotionen ausleben lassen kann und eine emotionale Stütze bin, die aber auch Freiheitsbestrebungen zulässt.

Ich freue mich, dass ich ich bin mit dem Weg, den ich schon gegangen bin.

 

 

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