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Der heutige – anonyme – Gastartikel greift ein Thema auf, dass bislang in meinen Augen zu kurz kam, so dass ich mich trotz der schweren Kost freue, dass die Gastautorin mir diesen Text geschickt hat. Ich danke Dir dafür. ❤


Postnatale Depression – ein schwieriger Einstieg in die Mutterrolle

Ach so wirklich gefällt mir dieser Titel nicht, aber zumindest ist nun klar worum er bei mir geht. Ich bin mit 33 Jahren Mutter eines wundervollen Sohnes geworden. Ich lebe seit über 10 Jahren in einer sehr stabilen Beziehung mit meinem heutigen tollsten Mann der Welt. Ich hatte eine einfache Schwangerschaft (ein wenig Übelkeit zu Anfang) und eine spontane Geburt, an die ich mich gern zurück erinnere (wahrscheinlich auch dank PDA nach vielen Stunden ;-)).

Ich war von Anfang an sehr emotional. Das war ich allerdings schon immer. Aber jetzt war ich ja plötzlich für noch jemanden verantwortlich. Ja so richtig verantwortlich. Nur ich konnte und sollte ihn nähren. Mit Stilhütchen. Aber er war doch so klein und zart und hatte gar keine Kraft zum Saugen… Und bitte Tag und Nacht mindestens alle drei Stunden. Unser Sohn hatte eine leichte Gelbsucht, daher war er oft sehr müde und hatte noch weniger Power zum Trinken. Eine Still-Mahlzeit dauerte bei uns mal locker 1,5 Stunden. Ich weiß noch, wie ich völlig erstaunt in einer Still-Gruppe einmal neidisch auf eine Mutter traf, die in nur 15 Minuten beide Brüste gegeben hatte. Ich war also immer sehr, sehr lange mit Stillen beschäftigt. Das verursachte Nackenschmerzen aus der Hölle. Ich war einfach nie entspannt.

Dazu die Nächte. Was soll ich sagen? Vorher sagt man sich ja: „Ach, dann schläft man mal eine Nacht nicht gut. Das holt man dann ja wieder auf.“ Error. Jede Nacht war der Horror für mich. Schon wenn es draußen anfing dunkel zu werden, wurde ich ganz unruhig. Ich entwickelte also eine absolute Schlafstörung. Der Klassiker unter den Einstiegen in eine Depression – wie ich finde. War ich am Abend endlich eingeschlafen – musste ich auch schon wieder zum Stillen aufstehen. Danach konnte ich wieder nicht einschlafen… Man grübelt im Dunkeln ja auch so schnell. Es folgten Kopfschmerzen bis Migräne, oft und immer öfter. Schmerzmittel sind ja beim Stillen hier und da erlaubt. Dennoch nahm ich diese nur mit super schlechtem Gewissen. Ich war so unendlich traurig, dass ich die Zeit mit meinem Sohn nicht einfach nur genießen konnte, sondern fast jeden Tag nur mit Kopfschmerzen beschäftigt war.

Jedem Kopfschmerz folgten richtig depressive Stunden. Ich habe viel geweint, war einfach nur noch in Sorge, konnte gar nicht mehr entspannen. Konnte auch tagsüber nicht schlafen oder zur Ruhe kommen.

Ich plante eine Taufe. Wie in einem Film schaute ich zu. Am Tag der Taufe war ich total fertig. Ich nannte es damals „ich bin so wahnsinnig aufgeregt“. Heute weiß ich, das war eine Art Panik-Attacke. Ja und die kamen dann öfter. Eines Morgens, als mein Mann aus dem Haus zur Arbeit ging und ich die Tür ins Schloss fallen hörte, da überkam mich eine Panik-Attacke. Ich wusste nicht mehr ein und aus. Ich rief meine Mutter an und sie wollte so schnell wie möglich kommen (sie wohnt ca. 40 Autominuten entfernt). Sie riet mir, einfach meinen Tag zu machen, wie geplant. Nach dem Telefonat ging es mir besser. Ich machte mich und meinen Sohn fertig und wir fuhren zum Babykurs. Ich sah aus wie ein Zombie. Aber das kennen ja zum Glück viele Mütter. Ich habe sehr tolle Frauen – heute meine Freundinnen – im Babykurs kennen gelernt. Und ich hatte das Glück, dass diese ähnlich wie ich ticken. Wobei mir dies es dann auch erschwerte, zu erkennen, dass ich nicht nur jammerte, wie alle Mütter, sondern, dass es bei mir einen Tacken anders war… Ich habe relativ früh angefangen zum Thema Depression nach der Geburt zu recherchieren. Ich fragte meine Hebamme auch danach und war auch früh bei meiner Frauenärztin vorstellig. Diese empfahl mir eine Therapeutin, die ich im Notfall anrufen könnte. Ich rief auch recht zeitnah an und wir vereinbarten einen Termin. Beim ersten Termin ging es mir gar nicht gut. Beim zweiten Termin war ich wieder total cool und meinte, dass sei ja alles gar nicht so schlimm… So ging es mir in der ersten Zeit immer – mal gut – mal schlecht. Ein auf und ab.

Das Fass zum Überlaufen brachte dann unsere für den Sommer angesetzte Hochzeit. Nur standesamtlich und keine großes Feierlichkeit. Aber dennoch für mich viel zu viel. Ich dachte nur noch daran, wie ich diesen Tag möglichst schnell hinter mich bringen könnte. Meine beste Freundin sprach dann das einzig Richtige aus, diesen Termin abzusagen. Ich wolle mich doch schließlich später an einen schönen Tag erinnern. Und das taten wir dann auch. Im ersten Schritt ging es mir viel besser. Endlich wussten alle Bescheid. Ich musste mich nicht mehr verstellen. Und tatsächlich fast alle Reaktionen waren so liebevoll und fürsorglich. Alle boten ihre Hilfe an und erzählten von eigenen Erfahrungen mit Depressionen oder aus dem eigenen Umfeld. Das tat sehr gut. Dann folgten allerdings auch gleichzeitig die schlimmsten Tage für mich. Er jetzt kam alles richtig raus. Ich hatte schlimme Nächte mit sehr schlimmen Ängsten. Ich hatte das unglaubliche Glück, bei meiner Therapeutin sofort eine Therapie starten zu können. Zusammen entschieden wir dann, dass ich mit einem pflanzlichen Antidepressivum starte. Es dauerte dann aber noch gut zwei oder drei Monate, bis sich die Wirkung bei mir einstellte. Ich nahm auch einige Zeit zusätzlich ein Beruhigungsmittel, welches mir half, einfach mal wieder zu entspannen und ruhiger zu werden, besser zur schlafen…

Im Winter ging es mir dann schon wieder so gut, dass wir unsere Hochzeit nachholen konnten. Und meine Freundin hat Recht behalten – ich erinnere mich sehr gern an diesen Tag!

Leider endete die Episode der Depression hier für mich nicht. Ich hatte nach dem Wiedereinstieg in den Beruf den ein oder anderen Rückschlag zu verkraften. Zwischendurch versuchte ich auch das Antidepressivum wieder abzusetzen. Hinzu kam ein Todesfall in der nahen Familie. Ich habe mich dann dazu entschlossen ein chemisches Antidepressivum zu nehmen, welches ich noch heute in Abstimmung mit einem Neurologen nehme. Und damit geht es mir momentan – schon etwas länger – sehr gut. Ich habe in der Therapie sehr viel gelernt. Dieses Erlernte gilt es nun anzuwenden. Auch habe ich gelernt, dass bei mir die Depression wieder kommen kann. Gründe gibt es viele. Aber wenn, ist das auch nicht schlimm. Sie wird auch wieder weg gehen. Und ich habe mir ein sehr gutes Netz aufgebaut, welches in dem Fall greifen kann.

Betroffenen empfehle ich die Internetseite http://www.schatten-und-licht.de und hier insbesondere das Forum. Hier tauschen sich Frauen aus, die im Zusammenhang mit der Geburt ihres Kindes psychisch erkrankt sind. Der Austausch – und einfach nur das Wissen, dass es viele Frauen gibt, denen es ähnlich geht – hat mir sehr geholfen. Und noch eine Buch-Empfehlung: „Wie kann ich dich halten, wenn ich selbst zerbreche? Meine postpartale Depression und der Weg zurück ins Leben“ von Ulrike Schrimpf. Einfach wunderbar hilfreich, die Gedanken einer Betroffenen so nah lesen zu dürfen.

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