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Der heutige Gastartikel beschreibt meiner Meinung nach unglaublich treffend die Entstehung einer Depression. Ja, sie ist bei jedem anders, aber ich habe mich hier sehr drin wiedergefunden. Eigentlich könnte dieser Text also genauso von mir sein, nur hätte ich niemals so gute, so treffende Worte gefunden. Meine Suizidgedanken haben sich auch so abgespielt, sie waren ganz plötzlich da. Allerdings auf der Autobahn, als ich vor einen Brückenpfeiler lenken wollte.

Und ich teile die Auffassung der Autorin, dass Depressionen nie ganz weg gehen. Ich vergleiche das ja mit einem trockenen Alkoholiker. Sie sind immer ein Teil von mir.


 Ich, der Frosch

Eine Parabel nach Charles B. Handy besagt:
Setzt man einen Frosch in kochendes Wasser, wird er sofort fliehen,
setzt man ihn hingegen in lauwarmes Wasser und erhöht langsam die Temperatur, wird er bei lebendigem Leibe gekocht.

Depression ist wie ein Parasit, der sich in jede deiner Zellen einnistet und dir Stück für Stück die Energie aus deinem Leib frisst. Depression macht dich empfänglich für alles Schlechte und gute Dinge prallen an dir ab. Depression schleicht sich langsam in deine Seele, so, dass du es kaum bemerkst. Depression ist wie das Kochwasser des Frosches: ganz langsam wird die Temperatur immer heißer und man merkt gar nicht, dass man eigentlich schon verloren hat.

Ein langwieriger Prozess

Man kennt das. Hier und Da ist man schlecht drauf, es gibt einfach so Tage, an denen wäre man lieber im Bett geblieben, an denen ist man schwermütig, an denen möchte man nichts von dieser Welt wissen. Ich als Frau wurde an solchen Tagen gerne gefragt, ob ich denn meine Tage hätte – eine Frage, die nicht gerade die Laune hob. Doch solche Tage gehen vorbei, das sind kurze Phasen, an denen Körper und Seele einfach etwas Ruhe brauchen, um wieder zu sich zu kommen.

Ich hatte einige dieser Tage. Nichts Besonderes. Nichts, worüber ich mir Sorgen gemacht hätte. Die Tage wurden immer häufiger. Irgendwann war es dann nicht ab und zu mal ein Tag, sondern immerzu mehrere Tage. Aber auch das hat mich noch nicht daran zweifeln lassen, dass das alles vollkommen normal sei – jeder hat doch einfach mal anstrengende Phasen im Leben, wo alles einfach nicht so gut läuft, wie es laufen sollte. Was solls!

Doch Menschen reagierten merkwürdig auf mich. Von Therapie begannen sie zu sprechen, davon, dass ich mir doch bitte Hilfe suchen solle. Was für Weicheier, habe ich immer gedacht, warum sollte ich mir Hilfe holen? Es sind halt gerade harte Zeiten – na und! Kein Grund, gleich wie ein geschlagener Hund zu einem Therapeuten zu rennen und das eigene Leben durchleuchten zu lassen! Und vor allem, wie könnte der mir schon helfen? Immerhin bin ich jemand, der es ganz gut alleine schafft, sich selbst auseinander zu nehmen, selbst zu reflektieren, Selbstkritik zu üben – was sollte mir ein Therapeut sagen, was ich nicht schon längt wusste? Außerdem, es ist doch ganz normal, manchmal möchte man sich eben einfach in einem Loch eingraben und seine Ruhe haben – kein Grund also, so einen Wind darum zu machen!

Die Löcher wurden allerdings immer tiefer, die Phasen immer länger, die positiven Tage immer seltener – alles erschien nur noch dunkel, grau, wertlos, hoffnungslos. Ich versuchte es mit Selbstreflexion, die mir sagte, alles an mir sei schlecht. Ich versuchte es mit Selbstkritik, die mir sagte, alles an mir sei wertlos. Ich fühlte mich von allen Seiten schlecht behandelt und ich fand: recht haben sie. Ich fühlte mich von allen Seiten betrogen und ich fand: verdient habe ich es. Ich fühlte mich von allen Seiten ausgenutzt und ich fand: nur so bekomme ich ein bisschen Anerkennung. Und ich fiel immer weiter, immer weiter ins endlose Schwarz einer mir Angst machenden Zukunft und merkte dabei nicht, wie die Wassertemperatur anstieg.

Ich brauche keine Hilfe – ich schaffe das!

An den wenigen guten Tagen, an den Tagen, an denen ich mich wohl fühlte, an denen ich so etwas wie Glück empfand, da spürte ich tief in mir, dass etwas nicht stimmte. Doch mein innerer Dialog spielte mir dauerhaftes, unendliches Glück vor:

„Verdammt, krieg dich in Griff, das ist nicht normal!“

„Ich habe doch alles im Griff!“

„Nein, hast du nicht, gestern noch ging es dir so dreckig, dass du am Liebsten im Bett geblieben wärst!“

„Aber das war gestern! Heute ist doch alles Bestens!“

„Ja, heute! Aber du weißt nicht, wie es morgen ist – morgen kann es dir schon wieder schlecht gehen! Such dir Hilfe!“

„Ach Quatsch! Es geht mir doch gut! Ich brauche keine Hilfe! So ein Loch kommt bestimmt nicht wieder.“

Doch das nächste Loch stand schon in den Startlöchern und war noch tiefer, noch unausweichlicher, noch unschaffbarer. Bereit mich für immer zu verschlingen, bereit, mich nicht mehr aus seinen Fängen entkommen zu lassen. Doch in meinen schlechten Phasen war ich zu schwach mir Hilfe zu suchen und in meinen guten zu größenwahnsinnig um es zu versuchen. Dazu kam der Stolz: nur schwache Leute suchen sich Hilfe, nur schwache Leute brauchen Hilfe – ich bin nicht schwach, ich brauche keine Hilfe, von Nichts! von Niemandem!

Jetzt nehme ich meinen Schal

In einem meiner Löcher, in einer der Phasen, in denen ich nicht mehr zugänglich war, in denen ich es nicht schaffte, mich aus meinem Bett zu bewegen, in denen ich mich wertlos und verloren fühlte, in denen ich glaubte, dass niemand mich vermissen würde, entschied ich mich, einen meiner unzähligen Schals zu nehmen und mich an meinem Hochbett aufzuhängen. Einfach so. Ohne großartige Vorbereitung, ohne lange Überlegung. In diesem Moment schrie eine kleine Stimme in mir so laut sie konnte: VERDAMMT, HAST DU SIE NOCH ALLE?! Das war der Moment, wo es mir wie Schuppen von den Augen fiel, der Moment, wo ich bemerkte, dass alle anderen Recht hatten: mit mir stimmt etwas nicht, ich schaffe es nicht alleine, ich brauche Hilfe.

Das war ein kurzer, heller Moment, der mir wahrscheinlich das Leben gerettet hat, der mir mein Sein gerettet hat. Dieser Moment der Erkenntnis war wichtig, um zu merken, dass ich tatsächlich Hilfe brauchte, dass ich mir einen Therapeuten suchen musste. Doch wie? An schlechten Tagen fehlte mir die Kraft, an guten war ich zu größenwahnsinnig. Aber mir war klar, dass ich gute Tage erwischen musste, um mir Hilfe zu suchen, an schlechten hätte ich mich niemals etwas Neuem ausgesetzt, hätte ich niemals die Kraft aufgebracht, zu einem Erstgespräch zu gehen und meine Seele offen zu legen. An einem schlechten Tag wäre ich einfach zu Hause geblieben unter dem Vorwand der Selbstbestimmung und wäre dieser Situation aus dem Weg gegangen.

Und jetzt?

Ich habe den Willen aufgebracht. Der helle Moment hat mir Kraft gegeben und ich habe versucht, möglichst schnell zu handeln, mir möglichst schnell jemanden zu suchen, mit dem ich anfangen konnte zu arbeiten. Ich war aufgeregt, ich hatte Angst, die erste Sitzung war für mich eine der größten Überwindungen meines Lebens. Denn ich wusste nicht genau, was ich jetzt eigentlich von der Therapie erwarten sollte, aber ich wusste, was ich nicht wollte: jemanden, der mich für alles verantwortlich macht, mich zu allem schuldig erklärt, was in meinem Leben schief läuft. Selbstgeißelung, das konnte ich wahrlich selbst gut genug, Selbstgeißelung war mit ein Grund, der mich in diese vielen Löcher getrieben hat. Ich brauchte jemanden, der mich auffing, jemanden, der mich begleitete, ohne mich in meiner Selbstgeißelung auch noch zu bestätigen. Das alles in einem Erstgespräch zu formulieren kostete mich unendlich viel Mut, denn ich hatte Angst abgelehnt zu werden, hatte Angst, dass ich nicht nochmals die Überwindung finden würde, mir einen anderen Therapeuten zu suchen.

Ich wurde nicht abgelehnt. Stattdessen wurde ich jahrelang auf meinem Weg begleitet. Die Diagnose „Depression“ hat mich nicht überrascht. Dass er mich allerdings gleich an einen Psychiater verwiesen hat, der mir unterstützende Medikamente gegen die Suizidgedanken geben sollte, allerdings schon. Das ist einer der wenigen Ratschläge, die ich nicht angenommen habe. Ich wollte keine Antidepressiva. Ich wollte keine Medikamente, die etwas in meinem Denken, etwas in meinem Fühlen ändern. Ich wollte hart an mir arbeiten, ja. Aber ich wollte ganz Ich sein. Und das hat funktioniert – sukzessive bin ich meinen Löchern entkommen, sukzessive habe ich wieder Halt in mir selbst gefunden und mein Leben so umgestaltet, dass ich mich von Menschen getrennt habe, die mir nicht gut getan haben und vermehrt Menschen um mich geschart, die mir gut tun. Ich habe hart gearbeitet und mir ein lebenswertes Leben zurück erkämpft, in ständiger Begleitung meines Therapeuten und im ehrlichen Willen, seine Ratschläge zu beherzigen und mich auf die Welt einzulassen, die mich so sehr erschreckt.

Und was jetzt? Was passiert jetzt? Wie sieht meine Zukunft aus? Bin ich jetzt geheilt? Nein, ich glaube, so etwas kann man nicht heilen. Hat einen die Depression einmal erwischt, war man einmal in ihren Fängen, entkommt man ihr nicht mehr. Sie ist wie ein Schatten, ein ständiger Begleiter, ein Teil eines selbst. Ich kenne mich sehr gut, ich kenne die Anzeichen, ich weiß, wann die Depression beginnt wieder die Oberhand über mein selbst zu gewinnen, wann sie mich wieder in Richtung Abgrund treibt, wann das Wasser wieder beginnt zu brodeln – ich weiß, wann mein Leben wieder Begleitung benötigt. Doch das bedarf ständiger Aufmerksamkeit, ständiger Selbstbeobachtung, ständiger Kontrolle der Badetemperatur. Und manchmal, manchmal da habe ich Angst, dass ich diese Anzeichen einfach übersehe, dass sich die Temperatur des Wassers langsam erhöht und es irgendwann zu spät ist und ich nicht mehr die Kraft habe, mich zurück ins Leben zu kämpfen.

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