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Dieser Text hier von Frau Sturmflut, der hat mich eiskalt erwischt. Er hat mich sehr sehr tief getroffen und beschreibt auch meinen Kern der Depression. Ich habe mir erstmalig erlaubt, den Text dahingehend zu verändern, in dem ich durch Fettdruck markiert habe. Bitte sieh es mir nach.

Dieser Text war sehr schmerzhaft für mich, aber auch ein Geschenk. Und ich hoffe, er ist auch für die anderen Leser ebenso wertvoll. Danke, dass Du ihn geschickt hast. Ihr findet Frau Sturmflut auch hier, in ihrem Blog.

Und an alle Eltern habe ich eine Bitte: Liebt Eure Kinder bedinungslos. Um ihrer Selbst Willen.


„Manchmal fühl ich so eine Leere, da weiß ich nichts mehr zu tun, nichts mehr zu weinen oder zu lachen, nichts mehr zu leben. Dann leg ich mich hin und leb nicht mehr.“

Als ich diese Sätze in mein Tagebuch schrieb, war ich 13 Jahre alt. Ich habe viel Tagebuch geschrieben, immer schon, weil mir das die Möglichkeit gegeben hat, Dinge zu verarbeiten, über die in meiner Familie nicht gesprochen wurde. Es wurde über sehr vieles nicht gesprochen. Jahre- und jahrzehntelang konnte ich mir meine alten Tagebücher durchlesen, ohne an dem Erlebten irgendetwas außergewöhnlich zu finden. Genau da liegt der Hase im Pfeffer: Ich war mein Empfinden so sehr gewöhnt, dass ich nie auf die Idee gekommen wäre, es könnte oder müsste anders sein. Erst 2010, im zweiten Jahr meiner ersten Psychotherapie, habe ich verstanden, dass eine Dreizehnjährige so etwas normalerweise nicht schreiben würde. Ich habe verstanden, dass da ein verlorenes Kind war, dem es nicht möglich war, seine Verlorenheit mit irgendwem zu teilen und sich anzuvertrauen.

Es ist erst der Rückblick, der es mir ermöglicht, zu verstehen, dass die Depression bereits mein lebenslanger Begleiter ist, gepaart mit ständig präsenter Angst. Angst vor allem. Vor dem Leben. Vor den Urteilen anderer. Vor Missbilligung und Ablehnung und Überforderung und Schuld, die sich so schwer auf meinen Schultern getürmt haben. Das hat mir das Recht an meinem Leben und den Sinn darin genommen. Ich erinnere mich an die Zeit meines ersten Studiums, während der ich allein in meinem neu bezogenen WG-Zimmer war, nicht aufstehen, mich nicht in die Uni aufmachen konnte. An die Anrufe meiner Mutter, die fragte, ob ich denn etwa noch immer im Bett läge. Ja, da lag ich. Und ich wusste nicht warum. Ich glaubte, was meine Familie von mir glaubte – dass im Grunde einfach faul sei und die neugewonnene Freiheit des Studentenlebens nur noch dazu nutzte, mich auf Kosten meiner Eltern so richtig hängen zu lassen.

„Werd bloß nicht wie dein Onkel!“ – das war ein geflügelter Satz in unserem Haus. Denn der war alles, was man bei uns nicht hat sein dürfen. Ein fauler Studienabbrecher, meinem Vater gegenüber bevorzugt von der eigenen Mutter, die personifizierte Ungleichbehandlung bei gleichzeitigem Mangel an Dankbarkeit und Gegenleistung. Dabei hat in unserer Familie die Depression durchaus Geschichte. Betreffender Onkel leidet bis heute, und die Folge seines langen Psychopharmaka-Konsums ist nun eine Parkinson-Erkrankung. Meine Großmutter litt ebenfalls unter Depressionen. Sie verlieh ihrer Befindlichkeit Ausdruck, indem sie sonntagsmorgens früh bei meinen Eltern anrief und behauptete, sie müsse sterben. Und meine Eltern hassten sie dafür.

Ich wurde die selbsterfüllende Prophezeihung, ich wurde wie mein Onkel – gewissermaßen. Ich brach zwei Studiengänge ab, immer in dem felsenfesten Bewusstsein, dass ich das alles niemals schaffen würde, dass ich zu dumm sei (oder tatsächlich zu faul). In meinem zweiten Studium schaffte ich die Zwischenprüfung mit ausgezeichneten Noten, von denen ich mir im Anschluss einbildete, sie seien mir von wohlmeinenden Professoren nur geschenkt worden. „Wenn es gut läuft, hattest du unverschämtes Glück, wenn es mies läuft, dann ist es deine eigene Schuld!“ Diese Überzeugung hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Vor dem Hintergrund, dass in meiner Kindheit und Jugend nichts wichtiger war, als sich das Wohlwollen der Eltern (und damit die eigene Existenzberechtigung) durch Leistung zu verdienen, ist das besonders bitter. Denn du erreichst das Ziel niemals. Du wirst niemals gut genug sein, niemals genug geleistet haben, niemals zur Ruhe kommen dürfen, denn du bist ja noch nicht fertig. Du bist ungewollt, überflüssig, lästig, anstrengend.

In meinen finstersten Stunden blieb von mir ein Häufchen Asche übrig. Bis ins Mark war ich davon überzeugt, nicht sein zu dürfen. Darin liegt für mich persönlich der Kern meiner Depression. Ich habe mit den Fäusten auf Wände und Boden eingeschlagen, so randvoll mit Zorn auf mich selbst, weil ich nicht die sein konnte, die es verdient hat, zu leben. Weil ich nicht diejenige sein konnte, die man bejahen, annehmen, sein lassen konnte. Im dunklen Loch war es mir unmöglich, Tagebuch zu schreiben, weil die unerbittliche Bewertungsmaschinerie in meinem Kopf gehässig über meine zittrige Handschrift herfiel. „Nicht einmal leserlich schreiben kannst du!“ Fast dauerhaft war es mir unmöglich, zu schlafen, weil mich diese Maschinerie wach hielt mit all dem, was mir nicht gelang, mit dem, was ich hätte tun sollen. Es war ein permanent siedendheißes Gefühl, eigentlich sein zu sollen, wie ich nicht war. Schlafen ging schließlich nur mit Betäubung. Ein Gin Tonic. Zwei Oder drei. Hauptsache, der rasende Kopf, das schmerzende Herz geben Ruhe. Ich blieb wach bis nachts um zwei, drei oder vier Uhr, weil ich Angst vor dem Schlaf hatte, der nicht kommen wollte. Starrte aus den Fenstern meiner stillen Wohnung.

Es wurde besser. Das geschah, als ich mit meinem jetzigen Mann zusammenzog. Als ich den Kontakt zu meinen Eltern abbrach. Als ich begann, mit meiner Cousine offen zu reden, die selbst eine Therapie gemacht hatte. Als ich meinen wunderbaren Therapeuten fand, der mich jetzt bereits zum zweiten Mal begleitet. Noch mit 39 habe ich eine Ausbildung abgeschlossen und bin stolz darauf. Aber das bedeutet nicht, dass es nur gut wurde. Spuren des Erlebten sitzen tief in mir, und ich bin nicht gefeit davor, dass sie hervorbrechen. Mit kaum jemandem – meinem Mann und meinem Therapeuten ausgenommen – habe ich über den psychischen und auch sexuellen Missbrauch in meinem Elternhaus gesprochen. Wie vermittelt man, wie es ist, zu erstarren, sobald jemand einen berührt? Wie vermittelt man die tiefsitzende Trauer über die Kälte und das Desinteresse der eigenen Eltern? Wie geht man mit dem Zorn darüber um, benutzt worden zu sein? Es ist schwer.

Im August vor zwei Jahren brach ich komplett zusammen. Wieder hatte ich meine Nächte schlaflos verbracht, in der Angst, bei der Arbeit nicht genug zu leisten. Wieder war ich an dem Punkt, an dem ich glaubte, nichts zu können, nicht zu genügen, immer haarscharf vor der endgültigen, vernichtenden Verurteilung durch andere zu stehen. Einen Burn-Out würde man das wohl nennen. Ich saß nachts zusammengesunken auf dem Teppichboden und weinte, weil ich einfach nicht schlafen konnte. Ich fand keine innere Ruhe, die Quälerei ging einfach immer weiter. Ich spürte wieder mal ganz tief in meinem Inneren, dass ich am besten nicht da wäre. Dass ich mich auflösen, dieses Leben verlassen sollte, weil es ja doch keinen Sinn hat. Mein großes Glück war, dass ich doch den Mut gefasst habe, mit meinem Mann darüber zu sprechen. Ich weckte ihn mitten in der Nacht und sagte ihm, ich sei bereit, mich zu überantworten. Er solle mich in die Psychiatrie bringen, ich könne nicht mehr. So weit kam es nicht, wir einigten uns darauf, dass ich am nächsten Tag nicht zur Arbeit, sondern zu meinem Hausarzt gehen würde. Gleichzeitig kontaktierte ich meinen Psychotherapeuten, von dem ich wusste, ich kann ihm hundertprozentig vertrauen. Beide waren sehr schnell und sehr vorurteilslos für mich da.

Jetzt gehen zwei Jahre zu Ende, in denen es aufwärts ging. Ich nehme ein SNRI und habe noch vierzehntägige Therapiesitzungen, die bald in noch loserer Folge stattfinden werden. Gerade kann ich behaupten, dass es mir gut geht. Manchmal bin ich glücklich, und manchmal fallen Schatten über mich her, alte Stimmen, alte Bewertungen und alte Gefühle. Einiges habe ich in den zurückliegenden Jahren gelernt: Meine Depression ist da nicht von ungefähr. Sie möchte mich hinweisen auf Dinge, die mir nicht gut tun. Auf Menschen, Einstellungen und eigene Bewertungen und Erinnerungen. Sie weist mich darauf hin, wenn ich selbst hart und ungerecht mit mir bin und mich unter Druck setze. Ich werde dann müde, starr, unbeweglich, erschöpft. Aber ich sehe das. Das ist so viel mehr, als ich in den zig Jahren zuvor gekonnt habe. Es gelingt mir, mich mit Milde, mit Stolz und Akzeptanz zu betrachten.

Ich glaube, wenn der Mensch eines in seinem Leben ganz dringend braucht, dann die bedingungslose Akzeptanz seines Seins. Von Liebe will ich gar nicht sprechen. Aber zu begreifen, dass man da ist und da sein darf, dass das gut ist, so wie es ist, das macht letztlich den entscheidenden Schritt aus, der einen vom Todeswunsch, von der Lebensmüdigkeit trennt. Ich lerne Vertrauen und das Teilen von Freude und Schmerzen. Ich lerne, dass ich nicht durchhalten muss, nicht stark sein, nicht alles können und immer da sein. Alle meine Gefühle dürfen sein. Ich will leben.

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