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#Triggerwarnung Suizidversuch

„Kann ich bei Dir schreiben? Es ist gerade ganz akut und es muss irgendwo hin.“ Ja, natürlich und ich bin froh, dass Du es aufgeschrieben hast, denn jetzt steht Dein Text hier schwarz auf weiß und Du kannst ihn jederzeit nachlesen. Ich hoffe, Du findest jetzt ganz schnell die richtige Hilfe für Dich.


Was bleibt…

Ich schreibe euch diese Zeilen, um auf etwas aufmerksam zu machen, was es schon lange gibt und genauso lange verharmlost wird.

Ich bin Mutter von zwei kleinen Kindern und trage einen großen und schweren Berg an Vergangenheit mit mir rum. Was genau, ist jetzt kein Thema, aber die Auswirkungen davon.

Denn ich habe gedacht, ich schaffe das alles. Meine Kinder, den Haushalt, einen kleinen Nebenjob, den Mann und vor allem meinen Berg und meine Ansprüche an mich selber.

Das ging auch eine Weile gut. Bis der Zusammenbruch kam. Und der hat Narben hinterlassen, bei allen.

Eigentlich fing es harmlos an. Mein Mann und ich stritten uns. Um Müllbeutel. Ich stichelte immer weiter, trieb ihn in den Wahnsinn, weil ich das alles nicht mehr aushielt. Und er, der selber total fertig ist von allem, reagierte. Es eskalierte die Situation und ich bin geflohen. Habe ihn mit beiden Kindern sitzen gelassen. Ich konnte einfach nicht mehr. Ab da, war ich in einer Art Nebel. Ich ging zum nächsten Laden und holte mir Hochprozentiges. Ich wollte nicht mehr denken, nichts mehr fühlen, einfach nur Mal Ruhe haben vor dem ganzen Mist.

Ich trinke nicht, nie. Aber da habe ich dann über die Hälfte der Flasche innerhalb kürzester Zeit getrunken. Und war dementsprechend sturzbetrunken. Und ich wollte nicht mehr leben. Ich habe gehofft, der Alk vergiftet mich und bringt mich um.

Irgendwann, als ich so lag, auf den Steinen in einem Park, alleine, den Ameisen zuschaute, dem Wind lauschte und benommen war, fasste ich den Entschluss, mir endgültig das Leben zu nehmen. Dieser ganze Berg brach wie eine Lawine über mich zusammen. Ich wurde erdrückt, von meiner Vergangenheit, meiner Gegenwart. Meinen Schuldgefühlen, keine gute Mutter zu sein und keine gute Ehefrau. Ich konnte nicht mehr. Ich konnte da liegen, betäubt und atmen. Etwas, was ich zu dem Zeitpunkt gar nicht wollte. Ich wusste, es geht so nicht mehr weiter. Und ich wollte endlich meinen Frieden finden, nach einem Leben voller Bockmist.

Ich zerschlug die Flasche und nahm mir eine Glasscherbe. Ich schnitt mir in den Arm.

Aber es ging nicht tief genug, egal wie sehr ich es versuchte.

Frustriert brach ich ab.

Ich weinte, bemitleidete mich selber, fühlte mich zu dumm zum Leben und zu blöde zum Sterben.

Dann lag ich da weiter.

Stunde um Stunde, während meine Familie mich suchte und sich Sorgen machte. Während die Polizei mich suchte, mein großes Kind immer nach mir fragte.

Ich lag da und wollte nur noch sterben. Abends fanden mich ein paar Jugendliche und riefen den Rettungswagen. Ich kam erst ins Krankenhaus und dann in die Psychiatrie.

Da war ich schon wieder klar im Kopf und fragte mich, was ich da für eine Scheisse gebaut habe.

Am nächsten Tag ging ich wieder nach Hause. Entgegen dem Willen der Ärzte und meines Mannes.

Ich weiss, ich werde so etwas nicht mehr machen, denn das war dumm. Und wenn es geklappt hätte, hätte ich alles verloren und meine Kinder ihre Mama.

Und das nur deshalb, weil ich nicht mehr konnte. Weil der Druck zu hoch und zuviel war.

Weil man als Mutter noch immer viel zuviel alleine gelassen wird. Ich will damit sagen, bevor es bei euch so weit kommt, holt euch Hilfe. Schämt euch nicht dafür, denn nichts ist schlimmer für ein Kind, seine Mama zu verlieren. Das habe ich an meinem großen Kind gesehen. Wie sehr es gelitten hat in den paar Stunden ohne mich. Dieser Zusammenbruch hatte sich angekündigt, schon lange vorher, das ist mir jetzt klar. Aber ich habe all die Zeichen übersehen. Ich schob meine permanente Übermüdung den kurzen Nächten zu. Das immer angepisst sein auf meinen Mann schob ich ihm zu. Die Tränen, die ich heimlich weinte, das Zittern, das Gefühl, sich aufzulösen, das war alles nur die Müdigkeit. Ich wollte alles schaffen und alles alleine und selbstverständlich perfekt.

Ich hole mir jetzt Hilfe und werde sie annehmen.

Eben damit so etwas nicht nochmal passieren KANN.

Macht das auch. Sobald ihr merkt, dass ihr an eurer Grenze seid.

Sonst geht ihr drüber und es muss nicht immer so „glimpflich“ ablaufen, wie bei mir. Was geblieben ist, ist die tiefe Reue und die Angst, so etwas nochmal erleben zu müssen.

Es gab auch ein danach. Als ich aus der Klinik kam wusste ich, nichts wird mehr so sein wie vorher. Meine Familie hat mir keine Vorwürfe gemacht, da war nur die Frage, wie eine Mutter so etwas tun kann. Wie sie es riskieren kann, ihre Kinder alleine zu lassen. Aber das ist die falsche Frage. Die richtige Frage lautet, was muss erst alles passieren, bis eine Mutter so weit ist?

Lasst es nicht zu.

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