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Von ihrem ersten Tag an wusste ich, dass mein Kind etwas ganz Besonderes ist. Mit diesem Satz läutet sich gerne das ultimative Lobhudeln des eigenen Kindes ein und es ist mir völlig klar, dass JEDES Kind etwas ganz Besonderes ist und einzigartig sowieso. Ihr braucht also nicht mit den Augen rollen.

Drei Monate nach ihrer Geburt begann ich, einmal die Woche eine private Minikrabbelgruppe zu besuchen und natürlich vergleicht man Kinder miteinander, was aber nie jemand zugeben würde. Ich als stolze Mutter habe natürlich gesehen, dass mein Kind einen ganz anderen, viel wacheren und ausdruckstärkeren Gesichtsausdruck hat, als die anderen beiden. Aber ich redete mir ein, dass das daran liegt, dass eins davon eben meins ist und das sicher jede Mutter so sieht. Allerdings ist es immer wieder vorgekommen, dass Außenstehende sagten: Ey, die kann ja gucken… „da gefriert die Hölle“ oder „das geht durch und durch“. Neben meinem Bett hängt ein Foto meiner zwei Monate alten Tochter und WIE SIE DA GUCKT… Das sieht sehr wach, sehr weise, sehr präsent aus. Und ich weiß mittlerweile, dass das keine Hirngespinste sind, die Rückmeldungen sind eindeutig. Nun habe ich dennoch keine Vergleichsgruppe, da es sich um meine Erstgeborene handelt und sie auch gleichzeitig Letztgeborene sein wird und so habe ich die ersten 1,5 Jahre eben gedacht, alle Kinder sind so, wie unser Kind. Dass auch die Oma regelmäßig sagt, wie pfiffig und „weit“ sie sei, habe ich dem großelterlichen Stolz zugeschrieben.

Im Juni sagte eine Erzieherin beim Kita-Sommerfest in einem Nebensatz zu unserem Kind und mir: „Da ist ja unser kleiner Freigeist. Ich nenne sie nämlich den kleinen Freigeist hier, sie geht ihren eigenen Weg und macht ihr eigenes Ding.“ In mir erwachte eine Mischung aus Überraschung, Stolz und Verunsicherung. Dass sie ihre eigenen Wege geht und nicht klammert, ist mir natürlich aufgefallen, wenn wir unterwegs sind, dann „braucht“ sie uns nicht.
Schon bei der Kita-Eingewöhnung ist sie nach 2 Tagen aus meinem Sichtfeld gekrabbelt und hat im Nebenzimmer völlig entspannt gespielt. Ich konnte auch eine sehr lange Zeit einfach mal weggehen – mit Verabschiedung – ohne dass es sie groß interessiert hätte. Das ändert sich grad ein bisschen, aber sie beruhigt sich auch schnell wieder.

Letzte Woche habe ich das Kind abgeholt und eine Erzieherin, die sonst nur Kurse macht, hat als Krankheitsvertretung den Spätdienst gemacht. Sie sagte mir: „Mensch, die Maus ist sehr autonom und energisch.“ Und meine Reaktion war nur „haha, ja. Wissen wir.“ Aber was dieses autonom wirklich bedeutet, wird mir erst in den letzten Tagen klar, je mehr ich darüber nachdenke und recherchiere, desto klarer sehe ich: Wir haben möglicherweise ein autonomes Kind. Vielleicht ist es bei einem 22 Monate alten Kind zu früh für eine derartige Erkenntnis und ich möchte auch gar keine künstlichen Fakten schaffen – aber sie hat eben eine Vielzahl von Eigenschaften, die autonomen Kindern zugeschrieben werden und ich werde das jetzt aufmerksam verfolgen. Denn wenn ich bzw. wir es schaffen, ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen und sie mit unserem Familienleben, der Struktur und den Regeln in Einklang bringen, dürfte es sich für uns alle angenehm(er) gestalten, und damit kann man ja wirklich nicht früh genug anfangen. Ich will sie nicht in eine Schublade drücken oder sie bewerten, ich möchte im Gegenteil sehr aufmerksam sein und mich auf sie einstellen. Vielleicht revidiert sich diese Erkenntnis in einigen Monaten oder Jahren, aber im Moment finde ich sie einfach sehr darin wieder.


Diese Auflistung habe ich im Netz gefunden und einige Punkte (fett markiert) passen einfach wie die berühmte Faust aufs Auge.

Ca. 15-20 % der Kinder sind von Anfang an „Autonom“.

Diese Kinder

  • kennen und beachten ihre Bedürfnisse genau und ohne Ausnahme
  • nehmen ihre persönlichen Grenzen ernst
  • lassen sich nicht manipulieren
  • mögen keinen Körperkontakt, der nicht von ihnen ausgeht
  • weichen vor jedem erwachsenen Verhalten zurück, das nicht vollkommen    authentisch und frei von pädagogischer Manipulation ist
  • sagen nur dann Ja, wenn sie die absolute Wahlfreiheit haben
  • benehmen sich oft wie reife Erwachsene, die ein ausgeprägtes Selbstbild haben
  • wollen immer ihre Würde und Integrität wahren 

Bei einigen äußert sich dieses Verhalten vorwiegend zu Hause, bei anderen aber auch außerhalb

Umgang mit autonomen Kindern

  • Authentisch sein und reden („Ich-Form“, klare persönliche Ansagen)
  • danach eine Pause einräumen
  • offen reden
  • nachfragen nach Bedürfnissen: „ Was brauchst du?“ „Was willst du?“
  • Wahlmöglichkeiten bieten (wie ein Buffet) bei Zeit, Varianten, Ablauf, Materialien
  • Vermeiden Sie
    • Körperkontakt (außer vom Kind initiiert)
    • Jegliche Pädagogik
    • Jeglichen Machtkampf

Achten Sie gerade bei diesen Kindern verstärkt auf respektvolles und authentisches Handeln und Reden.

Einige Punkte wie z.B. ihr Selbstbild sind noch nicht ganz klar, hier gibt es ja auch noch eine sprachliche Barriere, aber sie ist SO klar in dem , was sie will und was sie nicht will, dass es mich tatsächlich tief beeindruckt. Wir können tatsächlich viel mit ihr erreichen, wenn wir sie in Entscheidungen einbinden, Aktivitäten und Tätigkeiten ankündigen (also nicht einfach packen und anziehen oder irgendwo wegholen), ihr die Wahl lassen (Hustensaft ja oder nein, jetzt oder später). Ich frage sie immer, ob sie meine Hilfe braucht, manchmal dauert es eine kurze Zeit, dann fragt sie danach. Oder will dann etwas, was sie vorher abgelehnt hat. Sie hat auch schon mehrfach, sowohl zu Hause als auch in der Kita ganz klar gesagt und gezeigt, dass sie JETZT schlafen möchte.
Es läuft wirklich seit Säuglingszeiten alles über Kooperation mit ihr. Wenn man ihr als Baby Nasentropfen gegeben hat, dann hat sie nicht den Kopf weggedreht, wenn ich ihr das vorher gesagt und die Tropfen gezeigt habe. Ich habe immer gedacht, es liegt daran, dass sie mir vertraut, dass es ihr gut tut, z.B. wieder Luft zu bekommen. Jetzt verstehe ich, dass es auch daran lag, dass ich sie schlicht eingebunden habe.

Eine andere Anmerkung der Erzieherin vor Kurzem war auch noch, dass unser Kind sich sehr schnell vorgeführt fühlt, wenn man sie z.B. fragt: „Wie macht der/die Löwe/Hund/Katze/Kuh?“ Wenn sie nicht will und man nachbohrt, fühlt sie sich sichtlich unwohl. Mich hat das irritiert weil ich dachte, wieso sagt sie jetzt nichts, sie macht das doch zu Hause so gern und toll. Aber – und das ist der springende Punkt – wenn SIE damit anfängt. Und das letzte, was ich will ist, dass das Kind sich vorgeführt vorkommt.

Auch bin ich froh, dass wir von Anfang an mit ihr in ganz normal in ganzen Sätzen in der normalen Geschwindigkeit geredet haben. Das entstand eigentlich aus meiner Haltung heraus, dass ich keine Babysprache mag und es auch fürs Kind verwirrend gefunden hätte, wenn ich dann plötzlich irgendwann ganz anders mit ihr rede und sie sich fragt, ob Mama jetzt noch alle Latten am Zaun hat. Ich war also authentisch und das war zufällig richtig so.

So authentisch ich in allem immer war, so sehr war ich auch verunsichert, ob meine Empfindungen stimmig sind, da war stets ein Störgefühl in den letzten 22 Monaten und ich konnte es überhaupt nicht auflösen. Trotz bescheinigter guter Bindung fragte ich mich: „Warum reagiert sie so und nicht anders?“ „Warum rennt sie so weit weg?“ „Warum kuschelt sie nur so wenig mit uns?“ usw…

Ich bin so froh, dass der Knoten in meinem Hirn und Herz sich gerade aufgelöst hat und vor uns ein Weg liegt, den wir sicher gut gemeinsam beschreiten können. Ich bin gespannt, wie es sich bei uns weiter entwickelt und werde da sehr „am Ball“ bleiben und mich weiter mit dem Gatten und den Erzieherinnen austauschen. Ich bin so froh, dass diese Menschen sie auf ihren Weg begleiten und ich kann gar meine Dankbarkeit für dieses Glück gar nicht in Worte fassen.

Zu Beginn meiner aktuellen Recherche hatte ich diesen Text der Frühlingskindermama gelesen, jetzt wo ich fertig bin und meinen Text posten möchte, entdecke ich Teil 2 ihrer eigenen Recherche… Sie hat die gleiche Liste verwendet. 😉 Ihr Interview mit Jesper Juul in Teil 3 habe ich noch nicht gelesen, das werde ich noch nachholen.

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