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Der heutige Gastartikel ist von Yvonne. Wir haben uns über meinen Aufruf zu dieser Reihe gefunden und ich freue mich, dass sie auch einen Text geschrieben hat. Er ist sehr eindrucksvoll und beschreibt sehr treffend die Auswirkungen einer Depression. Ich finde auch, dass ich dort sehr viel Kraft herauslese und mich schon auf ihr Buch freue.

Seelenlähmung
Depression ist, die Welt wie durch einen Schleier wahrzunehmen. Ich fühle mich seltsam unbeteiligt. Alles verliert seine Bedeutung und damit seinen Sinn. Was mir früher Spaß gemacht und mich begeistert hat, wirkt plötzlich völlig uninteressant. Ersatzlos gestrichen. Alles ist anstrengend geworden. Die simpelsten Alltagsangelegenheiten erscheinen mir wie unüberwindbare Hürden. Ich fühle mich mir selbst entfremdet. Die Welt dreht sich weiter. Alle rennen geschäftig herum. Ich sitze auf der Couch und frage mich, warum ich nicht mehr mithalten kann.

Als sich vor 6 Jahren bei mir die zweite depressive Episode ankündigte, wusste ich noch nichts von meiner Erkrankung. Ich erinnerte mich, dass es mir mit 20 schon einmal sehr schlecht ging. Damals habe ich einfach irgendwie weitergemacht. Mich trotz Suizidgedanken „zusammengerissen“. Bevor jetzt hier ein falscher Eindruck entsteht: Nein, das hat nicht funktioniert! Was sicherlich geholfen hat, war der Auszug aus meinem Elternhaus und das Kennenlernen meines Mannes. Aber im Grunde genommen habe ich meine Erkrankung verschleppt bis zur Chronifizierung. Deshalb ist „Zusammenreißen“ weder eine gute Idee noch ein guter Ratschlag. Depressive reißen sich viel zu lange zusammen, bis gar nichts mehr geht. Und dann fühlen sie sich deswegen auch noch schwach und schuldig. Weil sie keine Erwartungen mehr erfüllen und keinen Ansprüchen mehr genügen können. Sie stehen nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung. Das Umfeld hat dafür meistens kein Verständnis. Wer nicht mehr funktioniert, wird zuerst unter Druck gesetzt und dann – wenn das völlig überraschend nichts gebracht hat – aussortiert.

Vergesslichkeit
Ich war Sozialarbeiterin in einer Förderschule, und es fing genau wie beim ersten Mal mit Vergesslichkeit und Konzentrationsstörungen an. Kollegengespräche – gelöscht. Arbeitsaufträge – im Nirwana verschwunden. Versammlungen – nach einer halben Stunde ausgeblendet. Fragen – falsch beantwortet, weil nicht zugehört. Die To-Do-Liste – eine sinnlose Ansammlung von Buchstaben. Aufgaben, die ich noch hinzufügen wollte – nach 5 Sekunden selbst zerstört. Ich kaufte mir Lecithin-Tabletten, um meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Leider vergaß ich jeden Morgen, sie zu schlucken. Eines Morgens blieb mir auf dem Arbeitsweg die Luft weg. Ich wurde von einem fürchterlichen Heulkrampf geschüttelt. Mein Mann fuhr mich postwendend nach Hause. Das war’s. Aus die Maus.

Nichtgefühl
Viele denken, dass Depressive ständig traurig sind und weinen. Das stimmt so nicht. Depression ist eher ein Nichtgefühl. Man fühlt überhaupt nichts. Die Seele ist gelähmt. Alles ist taub. Natürlich schlummert in einem die Trauer. Die wurde aber so lange unterdrückt und verdrängt, dass sie nicht mehr erreichbar ist. Auch die Wut hat sich totgelaufen. Wut tritt oft anstelle von Trauer und Angst auf. Sie kämpft. Bis zur Erschöpfung. Dann kündigt sie. Und die Freude hat sich schon lange verabschiedet, ohne dass man es gemerkt hat. Vor lauter Rotieren und Fassade bewahren ist einem gar nicht aufgefallen, wie sie sich leise zur Hintertür rausgeschlichen hat. Wurde ihr wohl zu blöd.

Depressive sind nicht faul
Mit Depression ist man jedoch nicht nur emotional abgestumpft. Es schwinden zwar Interesse, Antrieb und Lebensfreude, aber Verzweiflung, Angst und Selbsthass fühlen sich im Depressionssumpf so richtig wohl. Depression ist eine Störung des Selbstwertgefühls. Man hält sich für absolut unzulänglich. Egal, was man macht, es ist nie genug. Man hat das Gefühl, falsch zu sein. Ich habe lange Zeit geglaubt, es sei meine eigene Schuld, so zu sein, dass es keine Krankheit sondern ein schlechter Charakterzug sei. Charakterschwäche. Selbst heute nach zwei Klinikaufenthalten und etlichen Therapiestunden muss ich mich immer wieder daran erinnern, dass ich nicht faul, asozial und verwöhnt bin. Meine psychische Krankengeschichte beginnt im frühen Jugendalter (ungefähr 14) und wurde erst mit 33 Jahren erkannt. Bis dahin habe ich ein Einser-Abitur geschafft, mein Studium in der Regelstudienzeit mit dem Bachelor beendet, 10 Jahre als Sozialarbeiterin gearbeitet, eine Weiterbildung zur Psychotherapeutin erfolgreich abgeschlossen (zwischen den beiden Klinikaufenthalten), geheiratet, einen Menschen vor dem Suizid bewahrt, eine Katze großgezogen, ein misstrauisches Pferd gekauft und „therapiert“, die Panikattacken meines Mannes zwei Jahre lang ausgehalten und nicht zu vergessen jahrelang meine Eltern stabilisiert und den Wahnsinn zu Hause überlebt. Selbst jetzt in diesem Moment denke ich: Ja und?

Wenn ich doch mal weine, dann eher vor lauter Überforderung. Mit echter Trauer hat das nichts zu tun. Wenn Trauer und Wut zurückkommen, weiß ich, dass es mir besser geht. Aber auch nicht gut. Denn dafür brauche ich die Lebensfreude. Die wiederzugewinnen war für mich das Schwerste Therapieziel. Und es ist noch immer ein sehr fragiles Konstrukt.

Nehmt mich ernst
Es ist schwer zu beschreiben, wie sich Depression anfühlt. Ein Betroffener wird es nachvollziehen können – und dennoch einige Dinge anders empfinden. Denn jeder Depressive ist anders. Von einem Nichtbetroffenen kann ich kaum erwarten, dass er mich versteht. Aber ich wünsche mir, dass man mich ernst nimmt und mir zuhört, ohne sofort mit Lösungsvorschlägen bombadiert zu werden. Oder mir wenig hilfreiche Ratschläge und abgegriffene Lebensweisheiten anhören zu müssen. Ich möchte nicht als Simulantin oder hysterisch abgestempelt werden. Und vor allem wünsche ich mir, meinen eigenen Lebensweg finden zu dürfen, ohne immer wieder unter Druck gesetzt zu werden.

Das Buch
Ich plane, aufbauend auf meinen Blog www.daretobemad.blogspot.de ein Buch über den Umgang mit depressiven Menschen zu schreiben. Genaugenommen habe ich damit schon angefangen. Und natürlich befürchte ich, dass es keinen interessieren wird.

Yvonne Schröder

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