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Der erste Gastartikel dieser Blogparade geht (mir) wirklich unter die Haut. Er hat mich ganz tief berührt. Mehr möchte ich an dieser Stelle dazu nicht sagen, ich habe der Autorin meine Rückmeldung dazu privat gegeben.


Als die Kinder aus dem Haus waren, schafften sie sich Hunde an. Sie hatten sich ja immer für Katzenmenschen gehalten, aber das Leben als Hundeherrchen und Frauchen, das mussten sie begeistert feststellen, hatte eine ganz andere Qualität.
Diese Hunde waren ideal. Nicht zu groß, um ihnen noch Herr zu werden. Nicht zu klein, also durchaus noch als Hund ernst zu nehmen. Kurzes Fell, damit man nicht soviel Arbeit hat. Ausgeglichener Charakter, aber dennoch quirlig, damit es nicht zu laut aber auch nicht zu ruhig im Haus wird.

Die Hunde genossen natürlich die beste Erziehung. Durften mit im Bett schlafen, am Esstisch dabei sitzen und über die Polstergarnitur tollen. Sie hatten eine ganze Kiste voll mit Spielzeug und Kuscheltieren, im Winter ein Daunenmäntelchen und fraßen mit nahezu unverhohlener Gier das ausschließlich selbstgekochte Essen. Der ältere Hund neigte stets zum Übergewicht, aber das war eben Veranlagung, da war nichts dran zu ändern.

Die Kinder gingen ja ihre eigenen Wege. Der Sohn, 600 km weit weg, konnte sich als Künstler mehr schlecht als recht über Wasser halten. An vielen Abenden saßen sie daheim, die Hunde an sich gelehnt und fragten sich grappaschwer, was da wohl schief gelaufen war. Sie hatten immer ihr Bestes gegeben, vielleicht hatte der Junge als Kind zu wenig Grenzen erfahren, sie mussten beide soviel arbeiten und sie erwähnte häufig seufzend, dass der Junge manchmal von soviel Fremd-betreuung verwirrt war und sie am Abend „Oma“ statt „Mama“ nannte.
Die Tochter jedoch, das hatten sie sich geschworen, musste besser geraten. Also gab sie ihren Beruf auf um künftig für die Kinder da zu sein. Und tatsächlich, die Tochter schaffte einen anständigen Schulabschluss. Sie studierte sogar, nun ja, leider etwas Soziales, aber da war nichts dran zu rütteln, immerhin brachte sie es aber zum Beamtenstatus und das war ja auch etwas. Die Urkunde hängte er stolz ans schwarze Brett der Firma. Sowie auch das Abschlusszeugnis, mit sehr guter Note, von wem sie das wohl hatte, ergänzte er neckisch stolz auf die Bewunderung der Kollegen. Für den Doktortitel hatte es dann nicht mehr gereicht, zeitlich, aber das konnte ja noch kommen.

Die Tochter verliebte sich bald in einen wesentlich älteren Mann, den sie dann auch heiratete. Dies geschah nahezu heimlich, nicht einmal kirchlich und ihren Mädchennamen legte sie auch ab, obwohl er seine Tochter mit Nachdruck darauf hingewiesen hatte, dass der Familienname dann „aussterben“ würde.
Sie kaufte sich ein Auto, ohne ihn um Rat zu fragen und wickelte sämtliche Anträge ohne ihn ab. Sie engagierte sich plötzlich ehrenamtlich und entwickelte eine politisch andere Haltung, als es seine war. Sie kaufte Biolebensmittel, dabei wusste doch jeder, dass dies ein Hohn am Verbraucher war. Sie aß kaum noch Fleisch und verbrachte ihren Urlaub bei Selbstversorgern in den portugiesischen Bergen. Aber das kennt man ja von Kindern, alles eine Phase. Manches muss man aussitzen und es ist unnötig zu kommentieren. Man blickte sich bei des Tochters Anwandlungen süffisant an und zwinkerte sich insgeheim zu. Die Gutmenschphase. Nun denn.

Nicht lang nach der Hochzeit wurde die Tochter schwanger. Als er die Geburts-anzeige seines Enkelkindes an das schwarze Brett der Firma pinnte, fühlte er sich wie im Traum. Ein so perfektes kleines Menschlein. Und kurz darauf kamen auch ein zweites und drittes Enkelchen. Und dabei auch ein Mädchen, alles wie es sein sollte.

Die Tochter entwickelte weiter seltsame Anwandlungen. Sie stillte die Kinder eine gefühlte Ewigkeit und trug sie ständig in einem Tuch herum. Sie schlief mit allen Kindern und ihrem Mann in einem Bett und ließ die Kinder machen was sie wollten. In seinen Augen (und seine Frau stimmte ihm zu) überforderte die Tochter sich damit selbst. Sie wurde immer dünner und hatte so etwas Schmallippiges. Vielleicht kam es auch vom fehlenden Fleischgenuss. Auf dezente Hinweise reagierte sie gereizt und zänkisch.

Dabei hatte er nur einmal beiläufig fallen lassen, dass sie doch bitte nicht in Betracht ziehen sollte, ein viertes Kind zu bekommen. Die drei waren schon anstrengend genug, da waren sie fix und fertig nach Besuchen und Familienfesten. Das musste mal gesagt werden. In einer Familie musste es möglich sein, ehrlich zueinander zu sein.

Und als seine Frau bei einem Trotzanfall des Enkels bemerkte, dass sie sich dies auf keinen Fall gefallen lassen würde, das käme nun davon, wenn das Kind keine Grenzen bekäme, da war die Tochter regelrecht reserviert. Dabei hatte seine Frau doch Recht! Sie hatten schließlich zwei Kinder groß gezogen, sie wussten wovon sie sprachen. Das versicherten sie der Tochter auch mehrfach am Telefon. Sie war doch auch gut geraten. Ohne Stillen und Tragetuch. Und im eigenen Bett, ein bisschen Angst im Dunkeln ist normal. Sie hatten immer ihr Bestes gegeben. Oder wollte die Tochter das etwa anzweifeln?

Er hatte sich auf jeden Fall nichts zu Schulden kommen lassen. Er hatte soviel gearbeitet, dass es seinen Kindern an nichts fehlte.

Er würde, gemeinsam mit seiner Frau, seine Enkel mit all seiner Liebe überschütten. Er konnte dies vielleicht nicht immer so zeigen, aber sie würden soviel Spielzeug bekommen wie sie wollten, über die Sofalandschaft tollen, wenn sie ihre Schuhe ausgezogen hatten, er würde sie bekochen und ihnen Süßigkeiten bereit halten.

Da fiel ihm ein…das Osterfest. Gleich morgen früh würde er sich um den großen Spielzeugbagger kümmern, den sein Enkel sich gewünscht hatte. Dann könnten sie Ostersonntag für eine Stunde schnell hinfahren, länger wäre zu anstrengend. Und die Hunde wären dann auch zu lang allein.

Wenn er seine Tochter bloß mal erreichen könnte.

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