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#Triggerwarnung Gewalt unter der Geburt und Esstörungen

Auf diesen Artikel habe ich lange gewartet. Das schreibe ich, weil ich damit deutlich machen möchte, wieviel Überwindung es manche meiner Gastautoren kostet, sich hier zu offenbaren, zu „entblößen“ und einen Einblick in ihre Seelenleben zu gewähren. Und eigentlich fängt es einen Schritt zuvor an, schmerzhaft und schwierig zu sein: Beim Schreiben. Lange, bevor ein Text hier online geht, ist eine Menge in Bewegung gekommen. Manchmal bekomme ich das ansatzweise mit und dann freue ich mich umso mehr, wenn der Text da ist. Weil das meiner Meinung nach ein wichtiger Schritt ist. Hier ist nun ein ganz besonderer Text, der nicht alleine von Depressionen handelt, sondern auch von Esstörungen und triggendern Erlebnisse, wie Gewalt unter der Geburt. Danke für den Text. ❤


Mit Triggern im Alltag. #Depression #Trauma
Trigger sind Auslöser. Alle Menschen haben Auslöser. Wenn du mit jemandem redest und etwas sagst, auf das dein Gegenüber unlogisch, absurd oder skurril reagiert, dann hast du wahrscheinlich gerade einen Auslöser erwischt.

Wenn du nicht vergessen kannst.
Vor zehn Jahren passierte das Schönste und Schrecklichste zugleich: Mein Sohn wurde geboren. Auf dem Weg zum Krankenhaus nahm ich die Hand meines Mannes in meine und sagte: „Heute ist ein guter Tag, ein Kind zur Welt zu bringen.“ Die Sonne schien und es war warm. Dann wurde es für viele Jahre finster.

Grunderkrankung: Depression.
Was ich damals nicht wusste. Ich war schon krank. Ich hatte nur meinen eigenen Weg gefunden, mit der Depression und den verdrängten  Traumata umzugehen. Ich wußte nicht, dass auch eine Kindheit traumatisieren kann, die ohne Vergewaltigung, Missbrauch oder Schläge verläuft. Weil eine Mutter, die sich ihre eigene Wirklichkeit erschafft, eine Tochter dazu zwingt, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln.

Die Spannung aushalten.
Die Geschichte jeder Person, die an einer Ess-Störung erkrankt, ist einzigartig. Aber es gibt eine Gemeinsamkeit: Solch eine Person spürt, dass es eine Kluft gibt zwischen dem, was sie wahrnimmt und dem, was auf der Familienbühne offiziell passiert. Du zweifelst an deiner Wahrnehmung. Eine Person, die in dieser Kluft lebt, kann es nur nicht beschreiben, denn die Wort sind unfassbar. Die Ess-Störung verringert die Spannung.

Als mein Onkel mich schlug, war es eine Erleichterung.
Ich war 16. Meine Familie reagierte, wie sie eben reagierte. Der Bruder meiner Mutter schlug mich in den Nacken und ich fiel zu Boden. Ich war zu lange im Bad gewesen. Nur ein Handtuch bedeckte mich. Meine Familie sah und sah weg. Meine Mutter. Meine Oma. Die Frau des Onkels. Mein Vater. Es war ein Familienurlaub und das Bad grenzte an das Wohnzimmer, in dem alle versammelt waren.

Denn jetzt war es das erste Mal real.
Endlich war es handfest. Es war eindeutig ein Schlag gewesen, nichts, was meine Eltern verleugnen, verdrehen oder in seiner Bedeutung abwerten konnten. Niemand fasste das Geschehene in Worte. Die Gruppe der Menschen spielte weiterhin Familie. Niemand zog meinen Onkel zur Rechenschaft. Sie taten, als wäre nichts passiert. Das Verhalten war so eindeutig falsch, dass ich es endlich in Worte fassen konnte. Es war eine Befreiung.

Die Bulimie konnten sie verleugnen. Sie konnten ein Monster aus mir machen.
Auch die Depression konnten sie lächerlich machen, ebenso meine Erinnerungen an die Gewalt in meiner Kindheit. Sie sagten einfach Dinge wie: „Friss nicht so viel, du kotzt es doch sowieso wieder aus.“ Sie sagten: „Deine Erinnerungen sind falsch. Das ist niemals passiert.“ Sie mochten auch meine Depression nicht: „Du ziehst immer ein Gesicht. Dabei geht es dir doch so gut!“

Zwei Jahre später zog ich aus.
Ich rannte um mein Leben, zu meinem Bruder, der einen Ort weiter wohnte. Ich weigerte mich, zurück zu kehren. Meine Mutter leidet noch heute darunter, dass ich sie verließ. Was denken denn die Nachbarn? Aber die Bulimie wich ein Stück zurück und die Depression ließ mir genug Luft zum Atmen.

Dass ich immer wieder wochenlang die Wohnung kaum verlassen konnte, dass ich immer noch mein Essen von mir geben musste, dass ich immer noch zusammenzuckte, wenn ein Auto an unserer Wohnung vorbeifuhr, – all das war für mich normal. Ich beendete die Schule, ich studierte, arbeitete, heiratete und dann wurde ich schwanger.

Die Ohnmacht kehrte wieder.
Es ist unerheblich, was im einzelnen geschah. Es war die Situation, in die ich geriet, als ich meinen Sohn gebar. Da waren wieder Menschen, die mich nicht hörten. Da war wieder ein großer Schmerz in mir, der Ablehnung erfuhr. Es gab unermessliche Gefühle von Ohnmacht und Einsamkeit und Erniedrigung. Und als ich einen Brief an die Krankenhausleitung schrieb, war wieder klar: Die spinnt.*

Die Depression traf mich mit voller Wucht.
Ich hatte das schönste Baby der Welt und fühlte mich wie ein Gespenst. Ich verließ die Still- und die Krabbelgruppen, wenn jemand das Wort „Geburt“ erwähnte. Meine Freunde sagten: „Du hast ein gesundes Baby. Warum freust du dich nicht einfach?“ Die Trigger sind tückisch. Die Flashbacks warfen mich um. Die Depression zog die Schlinge um meinen Hals. Die Bulimie erhob sich und wurde zum Dämon. Ich ertrug die Welt nicht mehr. Ich kündigte jeden Kontakt.

Selbsthilfe-Gruppe „Schatten und Licht“
Eines Tages stand ich in der Bibliothek und da hing ein Plakat, das mein Leben veränderte. „Schatten & Licht e.V. Krise rund um die Geburt“. Konnte es das geben, dass auch andere Frauen betroffen waren? War ich etwa doch „normal“, weil ich diese Gefühle hatte, die mit den glücklichen Werbe-Muttis nichts gemeinsam zu haben schienen? Gab es etwa jemanden, der mir glaubte?

Das, was ich in den folgenden Absätzen zusammenfasse, dauerte in Wirklichkeit tausende von Jahren.
Ich wollte nicht mehr. Ich wollte nicht mehr kotzen und traurig sein, ich wollte nicht mehr weinen müssen, wenn mir jemand zu meinem Kind gratulierte. Ich wollte mich weder verletzen noch sterben wollen. Ich wollte endlich einmal spüren, wie sich die Welt anfühlt, wenn man glücklich ist.

Die Selbsthilfe-Gruppe war ein wichtiger Schritt.
Ich weinte mit anderen Müttern, die ebenso kreuzunglücklich waren. Die Selbsthilfe-Gruppe ermutigte mich, zum Psychiater zu gehen, bis ich es endlich tat. Ich nahm an einer weiteren Selbsthilfe-Gruppe für Menschen mit Ess-Störungen** teil und stellte fest, dass Ess-Störungen auch unter erwachsenen Menschen weit verbreitet sind. Ich fand einen Therapeuten, der sich mit Depressionen, Traumata und Ess-Störungen auskannte und fand einen Weg heraus.

Und heute?
Ich kotze nicht mehr. Ich habe mich seit Äonen nicht mehr selbst verletzt. Es gibt immer noch Wochen, in denen ich die Welt verändert wahrnehme. Derealisationen nennt man das. Die letzte schlimme Phase war vor zwei Jahren, als mein Anti-Depressivum nicht mehr wirkte. Die Welt fühlt sich dann an, als sei sie eine Bühne und du ein Schauspieler, dem niemand gesagt hat, welche Rolle er nun spielen soll.

Wenn das Anti-Depressivum nicht mehr wirkt.
Leider ist es wieder soweit. Das aktuelle Anti-Depressivum wirkt nicht mehr so, wie es sollte. Aber noch fühlen sich die Gegenstände real an. Die Bilder an den Wänden hängen noch gerade. Die Wände kommen noch nicht näher. Der Boden ist eben und gibt nicht nach. Ich habe keine Angst, jemanden ins Haus zu lassen.

Vielleicht genügen die Skills, die ich in der jahrelangen Therapie erlernt habe.
Denn ich weiß: Wenn ich jetzt das Medikament wechseln werde, kommen einige harte Wochen auf mich zu. Das Medikament wird ausgeschlichen. Beim letzten Mal waren die Nebenwirkungen nicht alltagstauglich. Dann wird das neue Medikament ausprobiert. Wahrscheinlich wirkt es. Und wenn nicht? Dann probieren wir eben weiter.

*Gewalterfahrungen unter der Geburt sind leider keine Einzelerscheinung. Hier gibt es eine wunderbare Aktion, um darauf aufmerksam zu machen.

**Bist du von einer Ess-Störung betroffen? Diese Seite kann dir vielleicht weiterhelfen.

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